Claus Leggewie ist ein deutscher Politikwissenschaftler, der für „Entwicklung statt Wachstum“ (https://www.youtube.com/watch?v=C6Tt4g3QTAg), die Regulierung der Finanzmärkte, eine neue Weltwirtschaftsordnung mit Ökologie und Ökonomie im Einklang, für Naturkreislaufwirtschaft und einen „Aufbruch in die Bürgergesellschaft“ plädiert, für den es „Mut zur Veränderung“ brauche. Leggewie ist Direktor des Kulturwissenschaftlichen Instituts Essen und Mitherausgeber der Blätter für deutsche und internationale Politik. Mit seinem Buch „Multi-Kulti“ traf Claus Leggewie 1990 den wunden Punkt einer Gesellschaft, die nach dem Fall der Mauer mit der Vereinigung ihrer beiden Volkshälften beschäftigt war. Nach Ansicht Leggewies haben nur die Gesellschaften eine Zukunft, die es verstehen, mit ihren verschiedenen Ethnien und kulturellen Formen umzugehen. Alternativen zum global herrschenden fatalen „System der Gier“ gibt es – nämlich innovative regionale Solidargemeinschaften. Diese Kraft der Zivilgesellschaft steht für eine positive Wende.

Von Verena Daum

Prof. Leggewie sieht den Bedarf an Mut- anstatt Wutbürgern. Wut dürfe weder alles (gewesen) sein, noch zur Fundamentalopposition des Bürgers gegenüber dem Gemeinwesen erstarren, beschreibt Josef Bordat auf http://literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=16469 das 2011 erschienene Buch von Claus Leggewie „Mut statt Wut: Aufbruch in eine neue Demokratie“, der zuvor im Jahr 2009 das Buch „Das Ende der Welt, wie wir sie kannten – Klima, Zukunft und die Chancen der Demokratie“ auflegte und 2012 „Zukunft im Süden: Wie die Mittelmeerunion Europa wiederbeleben kann“ herausgab.

Bordat führt weiter aus: Das „Dagegen“ muss in positiv-konstruktive Vorschläge einmünden, die Wut muss zur Verbesserung der öffentlichen Belange kanalisiert werden, um die Demokratie als solche nicht zu gefährden. Leggewie fordert daher „Mut statt Wut“. Dazu bedarf es aber eines grundsätzlich anderen Staats- und Politikverständnisses, das sich, so Leggewie, im Begriff des „neuen Gesellschaftsvertrags“ manifestiere. Waren der Schutz des Bürgers durch den Staat und die nachhaltige Sicherung seiner Freiheit die Triebfedern des neuzeitlichen Gesellschaftsvertrags, so sind die Motive des „neuen Gesellschaftsvertrags“ einer postmodernen Demokratie die Beteiligung des Bürgers am Staat und die Sicherung seiner biologischen, kulturellen und sozialen Lebensbedingungen.

Leggewie formuliert die Agenda der damit verbundenen Ziele: „Finanzmärkte müssen gebändigt, Klimakrisen begrenzt, die Vertrauenskrisen der Politik gemeistert und Europa muss gerettet werden“. Das gehe eben weder mit den Scheuklappen des „Weiter so!“, dem schulterzuckenden Fatalismus des „Sachzwang“-Vetos noch mit Wut, Empörung und Opposition allein, sondern mit einem „Aufbruch in die Bürgergesellschaft“, für den es vor allem eines brauche: Mut zur Veränderung.

Was genau soll geändert werden? Leggewie sieht drei problematische Aspekte real existierender Gesellschaften: 1. die zunehmende soziale Ungleichheit, 2. die Durchsetzungskraft abstrakter Regime unter dem Leitmotiv der „Gier“ und 3. das Wachstumsparadigma, das die Wirtschaft bestimmt und die Umwelt zerstört. Dagegen setzt der Autor den neuen Lebensstil einer „Voluntary Simplicity“, einer „freiwilligen Einfachheit“, oder, wie Leggewie es ausdrückt: „Appetit auf weniger“. In der Tat hat diese Einstellungsänderung viel mit dem Essen zu tun. Biokost und „Slowfood“ rücken unsere Ernährungsweise wieder dort hin, wo sie hingehört: Ins Zentrum unserer Lebensführung. Der Wert von guten Lebensmitteln muss wieder geachtet werden, um den Wert des Lebens, die „Lebensqualität“ zu erhöhen.

Fixiert auf Wohlstand, Wettbewerb und quantitatives Wachstum …

… scheinen unsere westlichen Demokratien in einem „postdemokratischen“ Zustand der Ohnmacht gefangen, heißt es im Forum Wissenschaft & Umwelt in der 2011 im oekom Verlag München erschienenen Schrift „Demokratie & Umweltkrise (http://www.fwu.at/wissenschaft-und-umwelt-interdisziplinaer.html). Die Dominanz der globalisierten Ökonomie mit ihren „Sachzwängen“ und Lobbies untergräbt die staatliche Handlungsfähigkeit und höhlt das Prinzip der Volkssouveränität aus. Umweltpolitische Maßnahmen sind (fast) nur durchsetzbar, wenn sie das Wirtschaftswachstum ankurbeln. Zivilgesellschaftliche Gegen- und Umweltbewegungen hoffen daher auf eine verstärkte demokratische Teilhabe „von unten“. Dabei bekommen sie es nicht nur mit etablierten Machtstrukturen zu tun, sondern auch mit einem wankelmütigen Souverän: Es ist offen, ob sich Bevölkerungsmehrheiten für ein radikales ökologisches Umsteuern finden lassen.

Und weiter heißt es in der Schrift: Wie es um die Interessenlagen in unseren Demokratien bestellt ist und welche Interessen sich durchsetzen können, entscheidet darüber, ob wir die richtigen Antworten auf die sozial-ökologische Metakrise finden. Mit einer Fülle von kompakten Beiträgen gibt dieses Heft Einblick in eine brisante Debatte. Autoren sind u. a. Ingolfur Blühdorn, Ulrich Brand, Achim Brunnengräber, Felix Ekardt, Christian Felber, Susan George, Daniel Hausknost, Peter Heintel, Matthias Karmasin, Hans-Jürgen Krysmanski, Volkmar Lauber, Claus Leggewie, Thomas Leif, Anton Leist, Klaus Müller, Jens Newig, Dieter Plehwe, Heike Walk, Harald Wälzer und Richard Wilkinson.

Permakultur und ökologisch-soziale Bürger-Projekte in den Regionen der Welt

Regionale Solidargemeinschaften (http://www.progression.at/paradigmenwechsel-in-der-globalisierung-durch-regionale-solidargemeinschaften/) suchen einen Lebensstil im Einklang mit der Natur und entwickeln innovative Klein-Projekte im ökologischen Kreislauf. Sie können sich zu einer globalen Bewegung entwickeln für eine positive Zukunft der gesamten Weltgemeinschaft. So setzt etwa die Vorarlberger Permakultur-Ikone, Leo Simma, auf Naturkreislaufwirtschaft als gesunden Selbstläufer, auf das Leben und Wirtschaften im Einklang mit der Natur. Die Philosophie und Ausrichtung heißt Kooperation, ethische und ökologisch-soziale Wirtschaftlichkeit bei entsprechender Wissensvermittlung und Bildung, Unabhängigkeit und Selbstbestimmung für ein freies Leben in Würde und Solidarität mit der Gesellschaft bzw. Gemeinwohlorientierung. Das Ziel ist gesunde Ernährungs- und Existenzsicherung, der Erhalt und Schutz unserer Lebensgrundlage, der Natur, und Lebensqualität für alle durch gegenseitigen Respekt und Achtsamkeit.

Als Zivilgesellschaft können und dürfen wir nicht desinteressiert und in bequemer Gleichgültigkeit hinnehmen, dass uns Monsanto & Co. mit Gift und Genen (http://www.progression.at/die-roundup-technologie-und-ihre-auswirkungen/) die Lebens- und Existenzgrundlage vernichten, sagt der überzeugte Permakulturist und Aktivist, der unermüdlich Informations- und Gesprächsrunden sowie Workshops für engagierte und interessierte Schüler, Landwirte und Bürger für entsprechende Bewusstseinsbildung durchführt, und zu Eigeninitiative und kleinstrukturierten Projekten animiert. Wir müssen Widerstand leisten gegen die Überschwemmung des globalen Südens und der ganzen Welt mit diesem tödlichem Gen-Mist und den dazugehörenden Pestiziden. Wir müssen uns mit regionalen und gesunden Natur-Alternativen gegen den globalen Vernichtungsfeldzug der Konzerne wehren, die Land und Leute etwa in Südamerika oder in Indien beim Anbau verseuchen, dieses schädliche „Kraftfutter“ für Hormon- und Antibiotika-gequälte Turbotiere in grausamer Massenhaltung exportieren – auch nach Europa und Österreich, von wo aus dann die völlig unverkäuflichen Restposten und Überschüsse wie Schweinefüße (hauptsächlich aus Deutschland) oder Milchpulver subventioniert nach Afrika entsorgt werden. Was den lokalen Kleinbauern in Afrika die Lebens- und Existenzgrundlage entzieht und die ahnungslose Bevölkerung mit unserem ungenießbaren Abfall „versorgt“.

Um hier gegenzusteuern, forcieren Leo Simma und immer mehr engagierte Kleingruppen die Bereiche permakultureller Kreislaufwirtschaft: die biologische, regionale und kleinstrukturierte Landwirtschaft im Einklang mit der Natur; Infrastrukturentwicklungsprojekte „leben-wohnen-arbeiten“ aus der Bevölkerung heraus; die Ressourcen- und Energiewende mit Umstieg auf erneuerbare und sichere Energie sowie die Nutzung von Abfällen als Rohstoffe und die Rückführung in ökologische Kreisläufe; Finanzierungsalternativen wie Crowd-Funding, Genossenschaften, ethische Gemeinwohlbanken, Regionalgeld zum Tauschen u.v.m.; ethische, gesamtheitliche und fachliche Bildung als Basis sowie auch Forschung und Entwicklung im Einklang mit der Natur; das Kultivieren und Wiederbeleben der Empathie – der uns allen angeborenen und innewohnenden Beziehungsfähigkeit. Für diese Ziele arbeitet neben vielen anderen Initiativen engagierter Menschen auch die Lern- und Arbeitsgemeinschaft www.bodenseeakademie.at in der Bodenseeregion. Und die erste ethische Gemeinwohlbank (www.mitgruenden.at) entsteht gerade. Russlands Großoffensive für kleinstrukturierte Naturkreislauflandwirtschaft (http://www.progression.at/sanktionen-zum-trotz-wird-russland-globaler-hauptlieferant-gesunder-lebensmittel/) macht Mut und schiebt die positive globale Bewegung an.