Ökologisch wirtschaftende Bauern brauchen konstruktive Partner. Die jährliche Konferenz der Bodenseeregionen bringt Landwirte und Konsumenten zusammen, um Lösungen für aktuelle Herausforderungen zu finden. „Wie kommen wir zu einer zukunftsfähigen Landwirtschaft?“ Mit dieser grundsätzlichen Frage beschäftigte sich die in Vorarlberg stattfindende Konferenz der gentechnikfreien Regionen am Bodensee unter Leitung von Ernst Schwald von der Bodenseeakademie.

Von Dr. Ing. Agr. Michael Götz (www.agrarjournalist.ch, der Artikel ist am 19.3.2021 in der Extra-Ausgabe „VN-Klimaschutzpreis 2022“ der Vorarlberger Nachrichten erschienen)

Martin Ott, Leiterder biodynamischen Landwirtschaftsausbildung auf dem Gut Rheinau im schweizerischen Kanton Zürich, ist immer wieder davon fasziniert, wie in der Welt alles zusammenhängt. „Schon immer wollte ich den Bauer kennenlernen, der meine Schwalben in Afrika beherbergt“, erzählt er.

Alles wirkt zusammen

Tatsächlich ließ sich eines Tages über den Fußring einer Schwalbe ein Ort in Mali feststellen, wo die Schwalbe überwinterte. Die Natur regelt sich weise und alles, das wir tun, zieht wellenartig Kreise. „Doch die heutige Landwirtschaft ist in eine ökologische Krise geraten.“ Ott denkt dabei vor allem an die industriell ausgerichtete Landwirtschaft. Berücksichtige man die ökologischen und sozialen Auswirkungen, dann dürften deren Schäden sogar größer sein als der Ertrag. „Grund dafür ist ein falsches Denken.“ Es helfe nicht, Reservate zu schaffen, um die Natur vor dem Menschen zu retten, sondern es gelte, eine Landwirtschaft zu entwickeln, die Ernährung und Biodiversität zusammenbringt. „Wenn uns das nicht gelingt, rutschen wir die schiefe Ebene herunter“, warnt der Demeter-Landwirt. „Wir brauchen ein neues Denken“, postuliert er. In Anlehnung an ein Zitat des chinesischen Philosophen Konfuzius (s. Kästchen) rät er, nicht nur neu zu denken, sondern auch zu handeln. Denn Denken und Tun gehören zusammen. „Es war noch nie so einfach, etwas besser zu machen, wie heute“, ermutigt der aufgeweckte Zeitgeist alle, die sich um die Zukunft der Landwirtschaft sorgen.

Gentechnik hinterfragen

Auch in der Gentechnik ist neues Denken gefragt. Die Gentechnik habe viel versprochen, aber wenig gehalten und den Welthunger nicht abgeschafft, stellt Angelika Hilbeck, Agrarökologin am Institut für Integrative Biologie der ETH Zürich, fest. „Der Weg von der Petrischale in die Praxis hat meist nicht funktioniert.“ Die großen Hoffnungen, welche die Medien oftmals in der Öffentlichkeit weckten, seien nicht erfüllt worden. Zwar mache die CRISPR/Cas-Methode gezielte Mutationen am Erbgut möglich, aber damit sei noch nicht erklärt, ob deren Anwendung sinnvoll ist. Das Argument, dass die Natur selbst nichts anderes mache und man nicht unterscheiden könne, auf welchem Weg die Mutation passiert sei, lässt die Agrarökologin nicht gelten. „Es ist nicht egal, mit welchen Werkzeugen ich Mutationen auslöse“, betont sie. Sie übt scharfe Kritik an gewissen Wissenschaftsakademien wie der Leopoldina. Anstatt kategorisch zu entscheiden, was ein GVO, ein gentechnisch veränderter Organismus, ist, sollten sie eine Plattform für offene und kritische wissenschaftliche Diskussion bieten. Es müsse auch möglich sein, das „in sich geschlossene Glaubenssystem“ derGentechniker wissenschaftlich zu hinterfragen. Wir bräuchten eigentlich eine strengere Regulierung, denn mit der größeren Eingriffstiefe und den damit verbundenen neuen Möglichkeiten kämen auch ebenso viele Risiken einher. „Das eine ist nun mal nicht ohne das andere zu haben“, folgert Hilbeck.

Neue Agrarkultur

Antonio Andrioli, Professor und ehemaliger Vizepräsident der Universidade Federal da Fronteira Sul in Brasilien, setzt auf Agrarökologie. Brasilien verfügt einerseits über enorme Naturressourcen und eine große Vielfalt an Naturpflanzen, andererseits sind in den letzten Jahrzehnten große Monokulturen, vor allem mit Kaffee, Soja und Zuckerrohr, entstanden. Die Folgen sind unter anderem Entwaldung, Landkonzentration auf wenige Eigentümer, Korruption, Pestizideinsatz und Vertreibung indigener Völker. Auf 57% der Ackerfläche wird heute in Brasilien Soja produziert, dagegen wird immer weniger Reis, das traditionelle Nahrungsmittel, angebaut, führt Andrioli aus. Beim Pestizideinsatz nennt er Brasilien sogar Weltmeister. Die Folge: 67% des Trinkwassers sind durchPestizide verseucht. Trotz dieser negativen Entwicklung sieht der Professor auch Lichtstreifen am Horizont und ist optimistisch. Ein Grund dafür ist die Universidade Federal da Fronteira Sul, deren Mitbegründer Andrioli ist. Sie befindet sich im südlichen Bundesstaat Santa Catarina. An der Universität und ihren regionalen Außenstationen lernen die Studierenden, die mehrheitlich aus bäuerlichen Regionen kommen, Landwirtschaft ökologisch zu gestalten. „Die Agrarökologie benötigtmündige und wohlausgebildete Bauern“, betont Andrioli. Der für die Kleinbauern in seiner Heimat engagierte Professor dankt Österreich, dass es sich als erstes europäisches Land gegen das „Merkosur Abkommen“gestellt hat. Denn diese sAbkommen würde dazu führen, dass die Natur und das ökosoziale Gefüge in Brasilien noch mehr zerstört würden. Europa wirkt mit seiner Entscheidung mit, in welche Richtung sich die Landwirtschaft in Brasilien entwickelt, in eine industrielle Landbewirtschaftung oder eine „Agrar-Kultur“, in der ökologisch und solidarisch gelebt wird.

INFOS

„Erzähle mir und ich vergesse, zeige mir und ich erinnere mich, lass es mich tun und ich verstehe.“ (nach dem chinesischen Philosoph Konfuzius)

DIE REFERENTEN

Martin Ott, Meisterlandwirt, Leiter der biodynamischen Landwirtschaftsausbildung und Präsident des Forschungsinstitutes für biologischen Landbau FiBL Schweiz.

Angelika Hilbeck, gelernte Gärtnerin, Agrarökologin am Institut für Integrative Biologie, ETH Zürich, Mitbegründerin von ENSSER, Europäisches Netzwerk vonWissenschaftlern für soziale und ökologische Verantwortung, Mitarbeit am Weltagrarbericht (IAASTD 2008) und langjährige Stiftungsrätin bei „Brot für Alle“.

Antonio Andrioli, Professor und ehemaliger Vizedirektor der staatlichen Universität Federal da Fronteira Sul in Brasilien. Globalisierungskritiker und Förderer der Bewegung der Kleinbauern und Landlosen. Träger des Bayerischen Naturschutzpreises 2020.

Weitere Infos: www.bodenseeakademie.at

Onlinekonferenz der gentechnikfreien Regionen am Bodensee am 12. November 2020.

Videoaufnahmen der Referate siehe: https://www.gentechnikfreie-bodenseeregion.org/9-konferenz-2020