Feldkirch/Vorarlberg – Das iranische Verhältnis zum Westen versteht nur, wer den von CIA und MI6 eingefädelten Sturz des demokratischen Ministerpräsidenten Mossadegh 1953 berücksichtigt, erläutert der Nahost- und Islamexperte Michael Lüders nicht nur in seinem Buch „Wer den Wind sät – Was westliche Politik im Orient anrichtet“, sondern auch im Rahmen seines Vortrags in Feldkirch auf Einladung der Jungen Wirtschaft Vorarlberg. Über Syrien als Spielball der Geopolitik referierte Lüders vor interessiertem Publikum und stellt in seinem neuen Buch „Die den Sturm ernten – Wie der Westen Syrien ins Chaos stürzte“ die Frage: „Wie gehen wir damit um, wenn die größten Errungenschaften unserer Zeit, nämlich Freiheit und Demokratie, in der Geopolitik zu purem Zynismus verkommen?“

Michael Lüders beim Vortrag über Syrien und Geopolitik in Feldkirch auf Einladung der Jungen Wirtschaft Vorarlberg

Von Verena Daum

Die Konstante in der Geschichte seit dem Sturz Mossadeghs 1953 bis zum Gaza-Krieg 2014 ist die Kluft zwischen dem Freiheitsversprechen westlicher Demokratien und der breiten Blutspur, die sich durch den Orient zieht – als Ergebnis westlicher Militärinterventionen, wirtschaftlicher Strangulierung, Zusammenarbeit mit den übelsten aber pro-westlichen Diktaturen. „Die USA und mit ihnen die Europäer sichern sich Erdöl und Erdgas inklusive Transportrouten und schützen Israel, was die fortgesetzte Herrschaft über die Palästinenser meint“, bringt es Lüders in „Wer den Wind sät“ auf den Punkt.

Innehalten und der Opfer imperialer Politik gedenken

„Im Rückblick war der Fall der Berliner Mauer eine historische Zäsur, die von den Siegern nicht genutzt wurde. (…) Die Welt besteht nicht allein aus den anglophonen Ländern, Europa und Japan, die über Jahrhunderte auf allen Kontinenten Unheil angerichtet haben. Anstatt auf den großen Verlierer Russland zuzugehen, anstatt eine neue Politik auf Augenhöhe mit anderen Akteuren zu begründen, anstatt einen Moment innezuhalten und der vielen Opfer der eigenen imperialen Politik zu gedenken – von denen des Kolonialismus ganz zu schweigen -, haben sich die USA und mit ihnen die Europäische Union für den entgegengesetzten Weg entschieden.“ Aggression und NATO-Osterweiterung zum hegemonialen Machterhalt. Die Hegemonie Washingtons mit seinen Verbündeten seit 1989 hat sich jedoch überlebt und ist am Ende.

Die neue Weltunordnung

„Die neue Unübersichtlichkeit hat ihre Wurzeln in der Multipolarität, der Vielzahl an gegebenen oder entstehenden Machtzentren“, blickt Lüders in die Zukunft. „Darunter finden sich Nationen, Staatenbündnisse, globale Großunternehmen wie Google oder Amazon, Geheimdienste, politische Bewegungen, nichtstaatliche Akteure, weltweit aufgestellte Kriminalitäts- oder Terrornetzwerke, Nichtregierungsorganisationen. Unter- und gegeneinander ringen sie um Macht und Einfluss, sind heute Verbündete und morgen Gegner oder Feinde.“

„Diese neue Unübersichtlichkeit verlangt nach Diplomatie, Interkulturalität und Pragmatismus“, schreibt Lüders. Doch „nichts deutet darauf hin, dass die Regierenden und Meinungsmacher in westlichen Staaten die Zeichen der Zeit verstanden hätten. Sie verlieren sich im Kleinklein der Tagespolitik und halten fest an der Unterteilung der Welt in GUT und BÖSE. Sie übersehen dabei, dass ein Großteil der Menschheit ein Leben in Ohnmacht führt, vielfach entrechtet und ohne Chance auf unser privilegiertes Dasein.“

Einen „Kampf der Kulturen“ gibt es nicht

Aber den um Macht und Ressourcen. Dabei interessieren die Opfer nicht. Der Westen hat recht, Unrecht haben die anderen: Russen, Chinesen, Muslime. (…) „Welchen Weg andere Kulturen oder Staaten gehen wollen, müssen sie selbst entscheiden. Wir aber müssen uns fragen, wo und wie wir unseren Platz finden wollen innerhalb der neuen Unübersichtlichkeit. Das betrifft nicht allein die Politik, sondern berührt auch Fragen von Kultur und Identität. Ein chinesisches Sprichwort sagt: Wenn der Wind des Wandels weht, bauen die einen Mauern und die anderen Windmühlen.“

Ein gutes Miteinander braucht klare Regeln, die für alle gelten, betont Lüders und prangert die Schreibtischtäter an, die unsere Freiheit missbrauchen, Wind säen und verheerende Stürme auslösen: „Der richtige Ort für sie ist der Internationale Strafgerichtshof in Den Haag. An dem Tag, an dem gegen sie Anklage erhoben wird, oder wenigstens gegen einige von ihnen, allen voran George W. Bush, Dick Cheney, Tony Blair, Donald Rumsfeld, hätte sich die Wendung WESTLICHE WERTEGEMEINSCHAFT tatsächlich mit Leben gefüllt.“

Bücher: Michael Lüders „Wer den Wind sät“ und „Die den Sturm ernten“, Verena Daum „Verantwortungslos – Zivilcourage für ein Ende des Kriegs gegen die Menschlichkeit“

Mutmaßungen sind keine Tatsachen

Nach immer demselben Muster setzen Meinungsmacher die bloße Behauptung mit der Wahrheit gleich, stellt Lüders im neuen Buch „Die den Sturm ernten“ fest. Politische Feindbilder zu erzeugen und am Köcheln zu halten ist medial kein Problem. Was also tun? Michael Lüders Empfehlung: „Zunächst die richtigen Fragen stellen. Offiziellen Verlautbarungen misstrauen und medialen Darstellungen nicht unkritisch folgen. Sie beleuchten bestenfalls die Spitze des Eisbergs.“

„Syrien ist nur eine der zeitlosen Geschichten, die von Unrecht, Leid und menschlichen Abgründen handeln“, führt Lüders aus. „Was spräche dagegen, der Logik von Macht und Dominanz zu entsagen, uns anders zu denken, unter Einbeziehung all derer, die guten Willens sind? Vielleicht bedarf es tatsächlich einer grundlegenden Bewusstseinsänderung, der Einsicht, dass wir keine andere Wahl haben als unsere Zukunft selbst zu gestalten. Was wäre denn die Alternative? Sie denen zu überlassen, die überwiegend Klientelinteressen bedienen, angepasst oder schlichtweg überfordert sind?“