„Eine exportstarke und mit Schlüsseltechnologien ausgestattete Region wie Vorarlberg hat das Pozential gleichermaßen marktfähige wie klima- und umweltfreundliche Prozesse, Produkte, Dienstleistungen und Konsummuster in die Welt zu tragen, regionale Wertschöpfung zu schaffen und so einen wesentlichen Beitrag zur Eindämmung des Klimawandels zu leisten“, weiß WKV-Präsident Hans Peter Metzler. Im VN-Interview erläutert er, wie das gehen kann.

Von Verena Daum (www.progression.at, www.garden-eden.org, das Interview ist am 19. März 2021 in der Extra-Ausgabe „VN-Klimaschutzpreis 2022“ der Vorarlberger Nachrichten erschienen)

Wie müsste aus Sicht der (Volks-)Wirtschaft eine ökologisch-soziale Steuerreform nach Corona aussehen, die sich nachhaltig positiv auf die Unternehmenserfolge und Arbeitsplatzsituation auswirken sowie die ökologisch-sozialen Ziele erreichen kann?

METZLER Die österreichische Wirtschaft bekennt sich klar zum Klimaschutz und begrüßt den Ansatz, Klimaschutz und Wirtschaftswachstum miteinander zu verknüpfen. Wir stehen hinter dem langfristigen Ziel der europäischen Klimapolitik, bis 2050 Treibhausgasneutralität zu erreichen. Dabei dürfen die Bemühungen auf dem Weg dorthin nicht zum Hemmschuh für den Wirtschaftsstandort und seine Unternehmen werden, dies gilt auch beim Thema Besteuerung. Ein No-Go sind sicherlich zu kurz gedachte Verbote oder einseitige Straf-Steuern auf bestimmte Technologien, wie etwa bei der Heizöltechnologie. Das nimmt uns die Chance, mit innovativen CO2-neutralen synthetischen Flüssigbrennstoffen, sogenannten „green liquids“ diese Technik weiterzuverwenden. Deshalb sprechen wir uns auch im Rahmen einer etwaigen Steuerreform für einen technologieoffenen Zugang aus, der es sämtlichen Anwendungsbereichen und Technologien offen lässt, besser zu werden und somit einen Beitrag zu leisten. Aus Sicht der Industrie beispielsweise ist es von zentraler Bedeutung, dass eine Bepreisung industrieller Emissionen auf europäischer – besser sogar globaler – Ebene stattfindet, wenn negative standortpolitische Effekte und die Gefahr der Abwanderung in Regionen mit geringeren Standards vermieden werden sollen. Deshalb ist im Rahmen einer umfassenden und nachhaltigen Steuerreform zu prüfen, wie eine zumindest aufkommensneutrale Gestaltung aussehen kann. Pauschale Antworten darauf sind äußerst schwierig. Es wird dafür mehrere Etappen und einen Mix aus europäischen und nationalen Steuerungsmechanismen brauchen. Wir dürfen bei all dem nicht vergessen, dass Österreich bereits heute eine ausgesprochen hohe Gesamtsteuerlast aufweist, weshalb gewünschte Lenkungseffekte genauestens zu analysieren sind.

Wie sieht die Vorarlberger Wirtschaft „grünen“ Wasserstoff und Wasserstofftechnologie bezüglich sauberer Energiezukunft und als Chance fürs Ländle, auch bei diesem ThemaVorreiter zu werden?

METZLER Grüner Wasserstoff aus erneuerbaren Quellen wird eine ganz wesentliche Rolle im globalen Energiesystem einnehmen. Wenn wir den Wasserstoff tatsächlich als Teil der Lösung sehen, mit dem wir die globale Erwärmung stoppen wollen, muss das Ganze im Zusammenhang mit dem Ausschöpfen von Effizienzpotenzialen, gerade in der Industrie, aber auch in anderen Bereichen, wie etwa Gebäude etc., gesehen werden. Sukzessive wird sich diese Technologie durchsetzen und es lohnt sich, da möglichst früh dabei zu sein. Wir erkennen ein großes Interesse. Die Vorarlberger Wirtschaft ist sehr offen, sich dieser Thematik anzunehmen. Sie ist da durchaus bereit, sich an die Grenze zu tasten, zu analysieren und zu sagen, was kann ich machen, was wirtschaftlich vielleicht jetzt noch grenzwertig ist, aber dafür habe ich in drei bis fünf Jahren wertvolle Erfahrung dazu gesammelt. Ein sehr großer Innovations- und Gestaltungswille für Nachhaltigkeit ist jedenfalls vorhanden. Erste Studien in der Vorarlberger Industrie dazu sind schon gestartet worden. Wir gehen davon aus, dass daraus dann auch erste Projekte folgen werden.

Wie wird bzw.wie könnte das „Cradle to Cradle“-Prinzip in Produktionsprozesse implementiert werden, um Schadstoffe einerseits zu vermeiden bzw. schlussendlich zu neutralisieren?

METZLER Eine exportstarke und mit Schlüsseltechnologien ausgestattete Region wie Vorarlberg hat dasPotenzial gleichermaßen marktfähige wie klima- und umweltfreundliche Prozesse, Produkte, Dienstleistungen und Konsummuster in die Welt zu tragen, regionale Wertschöpfung zu schaffen und so einen wesentlichen Beitrag zur Eindämmung des Klimawandels zu leisten. Dreh- und Angelpunkt in unseren Bemühungen bleibt stets die klare Vision: Vorarlberg soll eine international angesehene Modellregion für nachhaltige Entwicklung, Klimaschutz und Energieeffizienz werden und seine wirtschaftliche Innovationskraft für enkeltaugliche Lösungen nutzen. Es geht nicht darum, weniger schädlich zu sein, es geht darum, nützlich zu sein und einen ökologischen Fußabdruck zu hinterlassen. In einer Zeit, in der Ressourcen immer knapper werden, bietet der „Cradle to Cradle“-Ansatz einen innovationsorientierten Lösungsansatz. In vielen Bereichen findet das bereits statt. Sei es in der Bauwirtschaft, wo bereits über 90 Prozent der anfallenden Baurestmassen im Rahmen des Recyclings zu neuen Rohstoffen aufbereitet und wiederverwendet werden. Aber auch in der Industrie oder im Ressourcenmanagement findet das Prinzip immer breitere Anwendung. Was uns oftmals daran hindert, hier noch stärker in die Breite zu kommen, liegt teilweise auch an sehr komplexen rechtlichen Auflagen – beispielsweise im Abfallrecht – die einen Wiedereinsatz von Reststoffen oft erschweren. Da gilt es, zahlreiche Gesetzesmaterien kritisch zu durchleuchten. Zudem muss und wird ein starker Fokus auf den Bereich Forschung und Entwicklung sowie Produktdesign gelegt werden, bspw. im Bereich Textilrecycling oder Verpackungen. Die Betriebe sind hier höchst innovativ unterwegs.

UMFRAGE: Wie geht Null-Schadstoff-Wirtschaftsweise?

„Den Schadstoffausstoß reduzieren, um so unseren Planeten zu retten. Die große Unbekannte ist nur das „Wie“. Ob vielversprechender Wasserstoff, Steuerreform oder gut funktionierende Kreislaufwirtschaft: Alle diese Hebel sind gleichermaßen wirkungsvoll! Der springende Punkt ist, dass jetzt gehandelt wird, und zwar von möglichst vielen. Liegt es an der Politik, Steuern anzupassen und Wasserstoff als Energieträger attraktiv zu machen? Natürlich! Unser Appell jedoch geht an unsereMitbürger(innen): Zu warten – sei es auf die Politik oder auf jemanden anderen  – bringt keine Verbesserung, aber Eigeninitiative schon! Daher muss klimafreundliches „Wirtschaften“ in den eigenen vier Wänden anfangen, und die Politik wird folgen.“ Leah Athina Hartmann und Anna-Lena Schleszies, Studentinnen HTL Dornbirn

„Ein Fokus unserer Unternehmensgruppe ist der Kraftwerksbau, deshalb setzen wir den Hebel ganz klar bei den erneuerbaren Energien an. Wir müssen gemeinsam mit der Politik und glaubwürdigen Meinungsbildnern wichtige Aufklärungsarbeit leisten. Unsere Rohstoffe und Ressourcen sind beschränkt und dürfen nicht auf Deponien landen, sondern müssen auf die eine oder andere Weise wieder in den Kreislauf geführt werden. Beispielsweise kann Papier nicht unendlich recycelt werden, was davon übrig bleibt, kann aber als wertvoller Brennstoff in einem Kraftwerk thermisch verwertet werden und dadurch grüne Energie erzeugen. Wir sollten Reststoffe nicht als Abfall, sondern als Grundstoff für weitere Prozesse sehen und unser Denken sowie unser Handeln in diese Richtung erweitern.“ Claudia Bertsch, Head of Marketing BERTSCHgroup

„Viele unserer Ökoprofit-Betriebe verfolgen mit einem ganzheitlichen Ansatz eine sehr zukunftsweisende Strategie. Bei Ökoprofit haben wir den Fokus auf Ressourcenoptimierung und Win-Win für Umwelt und Wirtschaft gelegt – anfangs hauptsächlich auf Ressourceneffizienz und dementsprechende Kostenersparnis, zunehmend auch auf Kreislaufwirtschaft und Produktverantwortung. Besonders Betriebe, die schon lange dabei sind – von ihnen gibt es in 25 Jahren Ökoprofit viele – denken neben Effizienzsteigerungen in Kreisläufen und entwickeln innovative umweltfreundliche Produkte. Um in die Breite zu kommen und weitere Betriebe auf diesen Weg zu bringen – um eine gewisse „Flughöhe“ zu erreichen –, bräuchte es noch mehr Bewusstsein, Wissen und stärkere unmittelbare Anreize in der Region. Für Vorarlberger Unternehmen als Weltmeister in der Fertigung nachhaltiger Produkte steht ein großer Markt bereit.“ Verena Lässer-Kemple, Koordinatorin Ökoprofit Vorarlberg

„Um Klima- und Ressourcenschutz voranzubringen, braucht es eine Wirtschaftsweise nach Cradle to Cradle (C2C), in der geeignete Materialien unendlich in der Bio- oder Technosphäre zirkulieren können und so kein Müll mehr entsteht. Grundlegende Bedingung: flächendeckender Einsatz erneuerbarer Energien, die mit kreislauffähigen Anlagen erzeugt werden. Die Transformation von einer fossilen zu einer postfossilen Industriegesellschaft und einer Solar-Wasserstoff-Ökonomie ist unsere Zukunft. Dafür betreiben wir Bildungs- und Vernetzungsarbeit. Die öffentliche Beschaffung ist ein enormer Hebel – die Politik ist ganz klar in der Verantwortung, C2C anzuwenden. Es braucht einen gesamtgesellschaftlichen Wandel, der von Konzernen, KMU, NGOs und dem Bildungssektor mitgetragen wird.“ Kate Sowa, Cradle to Cradle NGO Wien (ehrenamt.c2c.ngo)

„Damit effektiv eine Wende hin zu klima-, umwelt- sowie ressourcenschonender Wirtschaftsweise geschehen kann, müssen den Verbräuchen auch die entsprechend realen Auswirkungen entgegengestellt werden. Das bedeutet, es müssten in den Kosten der verschiedenen Rohstoffe, Güter und Produkte die tatsächlichen Umweltauswirkungen dargestellt werden. Eine monetäre Bewertung von CO2 wäre ein erster Schritt, dazu kommen jedoch noch weitere Auswirkungen wie Landverbrauch, Verlust von Biodiversität, Wasserverbrauch usw. Erst wenn wahre Werte mit wahren Kosten in Einklang gebracht werden, bekommen Entwicklungen wie Ressourcenschonung, Kreislaufwirtschaft, Recycling und Co. einen angemessenen Wert und somit eine echte Chance.“ Anna Maierhofer, Klimaneutralitätsbündnis illwerke vkw