Ich bin wütend und stocksauer. Aber der Reihe nach. Es geht um Corona – das versteht sich nahezu von selbst in diesen Zeiten. Zu Beginn die äusseren Daten: ich bin 81, gehöre demnach in dieser Pandemie zur Hochrisikogruppe und wohne im Kanton Baselland. Als einigermassen vernünftiger Mensch bin ich impfwillig. Noch bevor ich mich anmelden konnte, habe ich von meiner Gemeinde Anfang Jänner die Meldung erhalten, dass  die Impftermine ausgebucht sind. Einige Tage später: „Heute konnten sich in Baselland weitere 3’000 Personen für eine Impfung anmelden. Wie der Kantonale Krisenstab Baselland heute mitteilt, dauerte es lediglich zehn Minuten, bis alles ausgebucht war.“

Von Walter Hollstein (www.walter-hollstein.ch, eine Abhandlung des Artikels erschien am 11.2.2021 in „Die Weltwoche“)

Das Impfzentrum in Muttenz liegt am Arsch der Welt. Von meinem Wohnort brauche ich mehr als eine Stunde . Wie man in das Impfzentrum kommt –kein Hinweis. Also muss man auf Karten im Internet suchen und dann alles auf Routenplanern eingeben . Ganz offenbar haben die Impfstrategen schlicht keine Ahnung, was bei den Menschen los ist – bei den älteren und alten zumal. Grotesk ist auch, dass immer dringlicher dazu aufgerufen wird, Menschenansammlungen zu meiden,  aber für die Impfung müsste ich in den ÖV, den grossen Andrang und die Warteschlagen im Impfzentrum in Kauf nehmen etc.

Wo lebe ich eigentlich? Die Schweiz ist ein zivilisatorisch „hochgerüstetes“ Land, mit einer der besten Infrastrukturen weltweit. Und agiert wird hilflos, wirr, unkoordiniert – nahezu wie in einer Bananenrepublik. So etwas wie  Einfallskompetenz ist in der helvetischen Bünzlibürokratie wohl schon längst versandet. In Mecklenburg-Vorpommern, einem nicht gerade sehr entwickelten deutschen Bundesland, impfen schon seit Wochen die Hausärzte; mein Arzt im Baselbiet weiss nicht einmal, wann er einen Impfstoff bekommt – nicht seine Schuld, er kriegt einfach keine Information. In den USA impfen sie schon seit langem im Supermarkt, also dort, wo die Menschen auch sind. In Tübingen hat es eine Amtsärztin geschafft, die besonders gefährdeten Menschen in Pflege- und Altersheimen zu schützen – mit Fantasie, Tatkraft und Planung. Hierzulande geben die Amateure den Ton an – nach dem Motto „avanti dilettanti“. Dazu passt das Auftreten: etwa der überagitierte Herr Berset und als Kontrastprogramm die schlafmützige Frau Kronig; souverän und rhetorisch perfekt hingegen Boris Zürcher.

Als Sozialwissenschafter habe ich gelernt, vor dem Handeln erst mal nachzudenken. Und das heisst: die Realitäten zu überprüfen. Beim Bundesrat und dem BAG ist es wohl eher umgekehrt: Aktionismus ohne Reflexion, heute die eine Massnahme, morgen die nächste und im Wochentakt die übernächste. Manchmal konterkarieren sich die Herrschaften am gleichen Tag.  Und empirische Belege für das Dekretierte gibt es sowieso nicht. Beispiel Beizen: sie werden geschlossen, wieder geöffnet, partiell geöffnet, wieder geschlossen. Keine dieser Massnahmen ist – wie es in der Fachsprache heisst: „evidenzbasiert“ – nicht einmal annähernd. Die Beizer- und Weindynastie Bidella verweist darauf, dass sie bis heute keinen einzigen Coronafall hatten – in immerhin 44 Betrieben.

Auf welche Information kann ich mich denn eigentlich noch verlassen? Im Gegensatz zu deutschen und französischen TV-Sendern, die allabendlich in ihren Nachrichtensendungen die neusten Corona-Zahlen vermelden, hält sich das schweizer Fernsehen bedeckt. Statt die Menschen mit seriösen Zahlen zu versorgen, wird über die dramatische Lage in Portugal berichtet oder Wichtigtuern wie dem Berliner Virologen Drosten das Wort erteilt. Und unsere Politik? Als im Jänner vergangenen Jahres die Pandemie in China bekannt wurde, nannte der Bundesrat das Risiko einer Einschleppung «moderat». Als Corona dann auch bei uns bereits konkrete Bedrohung  war, wurde der Nutzen von Gesichtsmasken bestritten. Später, als deren Schutzfunktion international längst erwiesen war, fehlten sie in der Schweiz. Ein schwarzbunter Reigen von Massnahmen wechselte sich ab: Schliessung und Öffnung von Schulen, von Beizen, von Geschäften, von Grenzen, von  Coiffeuren, von überhaupt allem. Der Nutzen der jeweiligen Verfügungen war nicht einmal annährend belegt, und auch  im nachhinein wurde er nicht erhoben. Zuletzt forderte Berset die Kantone auf, schneller zu impfen; mittlerweile ist das durch die neue Forderung obsolet, dass die Kantone Impfreserven anlegen sollen. Bundespräsident Parmelin behauptete, dass auch die Wissenschaft nicht mit einem so starken zweiten Ausbruch der Pandemie gerechnet habe. Falsch – entgegnet die Genfer Virologin Eckerle, eine überaus klare, seriöse und im Gegensatz zu vielen ihrer (speziell männlichen) Kollegen zurückhaltende Wissenschafterin; es sei immer wieder und eindringlich gewarnt worden.

Das BAG jufelt derweil von einer Fehlleistung zur nächsten: Es liefert unkorrekte Zahlen, verpennt Bestellungen oder ordert falsch; jüngstes Beispiel: für die Verabreichung des Pfizer-Impfstoffs wurde unbrauchbares Material eingekauft. Auch das viel gepriesene Kontakttracing funktioniert nicht.

Erschütternd ist, auf der anderen Seite,  dass in unserer saturierten Bequemlichkeitsgesellschaft sehr viele offenbar gänzlich unfähig sind, auf eine Ausnahmesituation noch adäquat zu reagieren. „Traumtag nach Schneechaos: Unterländer stürmen die Skigebiete“, so eine Zürcher Tageszeitung unlängst. Eine andere berichtet, dass sich 15o Idioten auf einem abgelegenen Parkplatz in Grafstal für ein Date mit getunten Autos getroffen hätten. Hunderte oder gar Tausende stürzen sich nach wie vor in den Ausverkauf. Oder die Shopping-Meilen. Dutzende feiern verbotene Partys, natürlich ohne Schutzmasken, in Hütten und Souterrains. Reiserückkehrer aus Risikogebieten haben in letzter Zeit stark zugenommen. Ein positiv getesteter Kellner flüchtet aus der Quarantäne in St. Moritz und reist mit dem ÖV durch die ganze Schweiz nach Como.

Ebenso widerwärtig ist, dass sich der Bundesrat – wiewohl da gar keiner zu einer Risikogruppe gehört – heimlich gegen Corona impfen lässt,  dass der südafrikanische Milliardär Johann Rupert im Thurgau bereits geimpft wurde,  dass Marco Fischer, CEO des Basler Kinderspitals  – und noch durchaus jung – sich gegen das Coronavirus  hat impfen lassen, obwohl in der ersten Phase die Mitarbeitenden „an der Front“ dran gewesen wären.

Derweil krepieren jene, die zu den Risikogruppen gehören. Corona trifft vor allem die Menschen in den Altersheimen. Dort gibt es im Durchschnitt eine Inzidenz von 9oo. In manchen Regionen liegt die Rate an Corona-Toten bei den über 7ojährigen bei fast 90Prozent. Dabei haben die Experten seit Monaten gewarnt, dass die Alten besonders geschützt werden müssen. Auch hierzulande hat es dazu ein Schutzkonzept von elf  Wissenschaftern gegeben; umgesetzt wurde es nicht. Damit nimmt man den massenhaften Tod von alten Menschen billigend in Kauf; schon spricht man von “Senizid“. Es ist ein böser Gedanke: Manchen, die nur in Kategorien von Money, Profit und Nutzen denken, kommt das wohl durchaus zupass. Die AHV – so zuverlässige Berechnungen – hat durch die vielen Toten schon mehr als 1 Milliarde gespart.

Wie notiert: es ist meine Wut, aber durchaus exemplarisch für Zehntausende.

Walter Hollstein (www.walter-hollstein.ch), em. Prof. für politische Soziologie; 2020 von ihm erschienen „Das Gären im Volksbauch“ (NZZlibro)