Bregenz/Vorarlberg – „Krisen, Klimawandel und nervöse Finanzmärkte sind auch in Vorarlberg spürbar. Was früher weit weg war, rückt näher – auch ins beschauliche Vorarlberg. Klimawandel betrifft uns alle, Fluchtbewegungen stellen uns vor große Herausforderungen, den Fieberkurven der Finanzmärkte können wir uns nicht entziehen. Weltweite Handelsbeziehungen bieten heimischen Unternehmen Chancen, aber machen uns gleichzeitig zu Mitbetroffenen von Krisen“, zeichnet Umwelt- und Mobilitätslandesrat Johannes Rauch ein nüchternes Bild.

Von Verena Daum (der Artikel ist am 3. Juli 2018 in der Extra-Ausgabe „Bewusst leben“ in den Vorarlberger Nachrichten erschienen)

„Aber wir sind noch immer extrem privilegiert: Demokratie und Rechtsstaatlichkeit bieten ein Leben in weitgehender Sicherheit. Sozial- und Gesundheitsversorgung werden von manchen, aber nicht von der Mehrheit in Frage gestellt. Mit der Energieautonomie setzen wir stark auf die Unabhängigkeit von Öl und Gas. Regionale, ökologische Lebensmittelversorgung soll ihren Stellenwert behalten und ausgebaut werden.“

Bewusstsein für Lebensmittel

„Das Bewusstsein für die Erzeugung unserer Nahrungsmittel steigt wieder – nicht zuletzt durch Initiativen in den Gemeinden, wie beispielsweise durch gemeinsame Gartenprojekte. Wenn wir aber weiterhin heimische Obst- und Gemüsesorten wollen, müssen wir unsere Insektenvielfalt schützen. Dazu gehört natürlich auch der vollkommene Verzicht auf den Einsatz von Neonicotinoiden wie Glyphosat. In den letzten drei Jahrzehnten sind bereits drei Viertel aller Insekten, dazu zählen auch Schmetterlinge und Bienen, verschwunden.“

Natur zurückholen

„Unsere intakte Natur und Landschaft sind unser Kapital, das wir für kommende Generationen erhalten wollen. Dafür müssen wir sie aber auch erhalten und teilweise bereits zurückgewinnen“, ist Rauch überzeugt. „Das bedeutet auch, dass wir bewusster mit Böden umgehen müssen und anstatt Flächen neu zu versiegeln, lieber im Bau verdichten. Unsere wunderschönen Natura-2000-Gebiete, blühende Gemeindeflächen, begrünte Dächer und das aktive Anpacken vieler Einzelpersonen und Familien helfen dabei, die Schönheit unserer Natur zu bewahren. Lebenswert bleiben, krisenfest werden, nachhaltig leben – das sollen die Leitplanken sein. Darauf richten wir unsere Mobilitäts-, Bildungs-, Agrar- und Umweltpolitik aus. Unsere Wirtschaftspolitik muss ebenso wie unser Steuersystem sozial-ökologisch ausgerichtet werden.“ 

Ländle „Big Picture“

„Als Mobilitätslandesrat habe ich die Vision, dass Vorarlberg umweltschonend, im besten öffentlichen Verkehr Österreichs unterwegs ist: beste Bedingungen für Füßgänger, etwa begrünte und zum Verweilen einladende Fußgängerzonen, ein sicheres und gut ausgebautes Radwegenetz, Bus und Bahn bestens aufeinander abgestimmt und mit hoher Taktung. Innovative Projekte wie eine Ringstraßenbahn sollen Wirklichkeit werden“, knüpft Rauch an die Miteinander-Bestrebungen in der Klimaschutzdiskussionsrunde im LCT Dornbirn im März an. „Das Rheintal und der Walgau sind schon längst ein Ballungsraum und als solcher müssen sie gedacht, geplant und weiterentwickelt werden. Solidarität – oder um das schöne, altmodische Wort zu verwenden, ,Gemeinsinn‘ nicht zu verlieren, das könnte die größte Herausforderung sein. Die Gräben zwischen Jung und Alt, Einheimisch und Zugewandert, in Wohlstand Geborenen und sozial wenig Privilegierten müssen kleiner werden. Den Kitt, der uns als Gesellschaft zusammenhält, nicht spröde werden zu lassen – darauf wird es ankommen. Schaffen werden wir das, wenn es gelingt, ein gutes Leben für alle sicherzustellen.“