In meinen bisherigen Artikeln dieser Reihe habe ich Ihnen aufgezeigt, wie unser heutiges Finanzsystem funktioniert, wie es immer mehr an seine Grenzen stößt und dabei immer größer werdende Probleme verursacht. Wie unser Schuldgeldsystem auf der einen Seite und die Effekte von Zins und Zinseszins auf der anderen Seite, sowie übertriebene Geldschöpfung der Banken zu immer größerem Reichtum und Macht in den Händen von Wenigen und zu immer höherer Verschuldung und Armut von Staaten und ihrer Bürger führt. Ethische Banken in ganz Europa zeigen auf, dass Banking und Wirtschaften auch anders geht.

Von Dr. Michael Zorn, Projekt „Bank für Gemeinwohl“

Nun soll auch in Österreich eine ethische Bank entstehen und einen Beitrag zu einem gerechteren und demokratischeren Finanzsystem leisten. So sieht ihre Vision aus.

Die erste österreichische ethische Bank ist in Gründung begriffen

Die Idee und Initiative zur Gründung einer „Bank für Gemeinwohl“ bzw. einer „Demokratischen Bank“, wie sie ursprünglich heißen sollte, nahm im Jahre 2010 ihren Anfang – noch während des Tumults der großen Finanzkrise. Seitdem treiben engagierte Menschen aus dem Banken- und Zivilgesellschaftsbereich von jung bis alt und aus allen Regionen Österreichs die Gründung dieser Bank voran. Über 100 Personen – fast ausschließlich ehrenamtlich tätig – setzen heute die Ecksteine des Gründungskonzepts Schritt für Schritt um.
Erst kurz vor Ende des Jahres 2014 wurde eine freie Genossenschaft gegründet. Sie wird Trägerin der Bank sein. Im Mai 2015 hat die Genossenschaft den ihr gesetzlich vorgeschriebenen Kapitalmarktprospekt veröffentlicht. Das erlaubt ihr nun, öffentlich die Beteiligung an der Genossenschaft anzubieten und ihre zukünftigen Genossenschafter zu suchen. Als breites zivilgesellschaftliches Projekt hat sich die Genossenschaft einen Stamm von 40.000 Mitgliedern zum Ziel gesetzt. Die Anteilsscheine an der Genossenschaft kosten 100,- Euro. Bereits ab 2 Anteilsscheinen – also mit einer Einlage von 200,- Euro – kann man Genossenschafter werden und erhält damit ein Stimmrecht in der Generalversammlung – genauso wie jeder andere Genossenschafter auch, ganz egal wieviel Anteilsscheine er besitzt.
Die Zeichnung dieser Anteilsscheine ist bereits auf der Webseite des Projekts unter www.mitgruenden.at möglich. Parallel dazu startete im Herbst 2015 eine große Informationskampagne, in der in Vorträgen über ganz Österreich, Menschen, die an der Bank interessiert sind, umfassend und persönlich informiert werden.
Die 40.000 Genossenschaftsmitglieder sollen das Startkapital von 15 Millionen Euro zur Verfügung stellen.
Wenn die Genossenschaft einen Kapitalstand von mindestens 6 Millionen Euro erreicht hat, kann sie bei der Finanzmarktaufsicht (FMA) bzw. in weiterer Folge bei der Österreichischen Nationalbank (OeNB) einen Antrag für eine Bankenkonzession stellen und die eigentliche Bankgesellschaft gründen. Nach dem Eintrag ins Firmenbuch wird die Bank für Gemeinwohl die ersten Kunden und Kundinnen empfangen können. Wenn alles nach Plan läuft, soll das bereits Ende 2017 der Fall sein.

Das Konzept und die Vision der neuen Bank

Die Bank für Gemeinwohl wird sich auf das klassische, ursprünglich, eigentliche Bankgeschäft – also auf Kredite, Einlagen und Konten beschränken. In späterer Folge sind noch eine Kreditplattform und ethische Fonds geplant. Den Kunden und Kundinnen werden alle notwendigen Basisdienstleistungen zur Verfügung gestellt werden – also Kontoführung mit allen Funktionen des Zahlungsverkehrs wie Überweisungen, Daueraufträgen, Bankeinzügen und dergleichen sowie Bankomatkarten, Kreditkarten und Online-Banking-Tools. Es wird auf der einen Seite Produkte für Spareinlagen und auf der anderen Seite Kreditprodukte geben. Auch Gratiskonten für sozial benachteiligte Haushalte sollen möglich sein. Was es nicht geben wird, ist die Möglichkeit zu spekulieren. Weder für die Bank mit den Einlagen ihrer Kunden, noch für die Kunden der Bank selbst.

In ihrer Vision versteht sich die Bank für Gemeinwohl als Modell für eine demokratische Unternehmensorganisation. Jeder kann Mitglied der Genossenschaft werden, die die Bank trägt und jeder kann auch an der Bank selbst teilhaben – unabhängig von Partei, Religionszugehörigkeit, Herkunft, ökonomischem Status oder Geschlecht. Die Rechtform der Genossenschaft erlaubt dabei im derzeit gültigen Rechtsrahmen ein Höchstmaß an demokratischer Mitbestimmung und gesellschaftsrechtlicher Flexibilität.

Die Bank für Gemeinwohl richtet sich an Privatpersonen wie Unternehmen, Körperschaften öffentlichen Rechts oder an Vereine. Sie will ein Maximum an Kooperation innerhalb ihrer Kundschaft fördern. Ein besonderes Anliegen der Bank ist es, die systemischen sozialen und ökologischen Auswirkungen von Zinsen sichtbar zu machen und damit den Abschied vom Zinsanspruchsdenken zu ermöglichen.

Die Bank für Gemeinwohl wird Gemeinwohl-Maximierung statt Gewinnmaximierung betreiben. Die Gemeinwohl-Orientierung soll jährlich in der Gemeinwohl-Bilanz dokumentiert und deren dauerhafte Erfüllung durch die Mitglieder der Genossenschaft geprüft werden. Alle Kredite, die die Bank für Gemeinwohl vergeben wird, werden neben der klassischen Bonitätsprüfung auch einer Gemeinwohlprüfung unterzogen, deren Ergebnis sich auf die Kreditvergabeentscheidung und die Kreditkonditionen auswirkt.

Überschüsse der Bank werden für das Bilden von Rücklagen und für das Unterstützen gemeinwohl-orientierter Projekte verwendet werden. Besonders förderungswürdige Projekte werden aus solchen Mitteln unter Umständen auch dann unterstützt, wenn sie aus reinen Bonitäts- oder Ertragsüberlegungen betrachtet, nicht finanzierbar wären. Gewinnausschüttungen an die Genossenschafter wird es grundsätzlich keine geben.

Die Bank für Gemeinwohl strebt in ihrem Geschäftsgebaren und in ihrer Konditionengestaltung Kostendeckung mit ausreichender Reservebildung an. Im langjährigen Durchschnitt hat die Bank eine Eigenkapitalquote zum Ziel, die über den gesetzlichen Mindestvorgaben liegt. Dies gilt als Voraussetzung für die umfassende Sicherheit der verwalteten Gelder.

Was unterscheidet eine ethische Bank von einer klassischen Bank

Aus der oben dargestellten Vision, lassen sich die wichtigsten Unterscheidungsmerkmale einer ethischen Bank mit einer klassischen Bank ablesen. Sie sind in folgenden Punkten zu finden:

  1. im Umgang mit Kundengeldern und in der Gestaltung von Spareinlagen,
  2. in den Vergabekriterien von Krediten und deren Konditionsgestaltung,
  3. im Verzicht auf maximierte Geldschöpfung  und von Profitmaximierung und
  4. in einem sehr hohen Transparenz- und Demokratiebedürfnis

Spareinlagen und Zinsen bei einer ethischen Bank

Eine ethische Bank wird Kundengelder nie mit möglichst hohen Zinsversprechungen anziehen, ganz im Gegenteil. Sparkonten und Sparprodukte sollen so gestaltet sein, dass die Sparer und Sparerinnen zum Zinsverzicht eingeladen werden können. Im aktuellen Zinsumfeld, in dem Sparer sowieso nur mehr ganz geringe Zinsen für risikolose Spareinlagen erhalten, wäre ein völliger Zinsverzicht durch Anleger wohl sehr wahrscheinlich. Bei wieder steigenden Zinsen dürften rund 20 – 30 % der Kunden dazu bereit sein auf Zinsen gänzlich zu verzichten. Diese Prozentsätze berichtet z.B. die GLS-Bank in Deutschland, die ihre Kunden und Kundinnen bereits bei höheren Zinssätzen zum Zinsverzicht eingeladen hat.

Auch wenn somit Zinsen im Konzept der Bank für Gemeinwohl derzeit noch geplant sind, so sieht die Vision, angeregt durch den Begründer der Gemeinwohlökonomie und der Idee für die Bank –  Christian Felber, es doch vor, auf Zinsen sowohl für Einlagen als auch für Ausleihungen in Zukunft völlig verzichten zu können. Dieses Konzept setzt bereits die JAK Bank in Schweden um. Die Bank wird dann für ihre Tätigkeit eine Provision verrechnen. Die zweite Möglichkeit ist die Gestaltung einer Kreditplattform. Dabei werden ebenfalls Provisionen für die Vermittlung von Kunden und die Abwicklung sowie Prüfung der einzelnen Projekte verrechnet. Auch wenn man hier einwenden kann, dass dann eben Zinsen durch Gebühren ersetzt werden, so ist es doch so, dass sich die Gebühren eben am Arbeits-, Betreuungs- und Abwicklungsaufwand orientieren und nicht an irgendeinem abstrakten Zinsniveau. Und Zinseszins wird dabei gänzlich vermieden.

Gemeinwohl als neue Art des Kapitalertrags

Die neue Bank wird für einen Wandel in der Beziehung zu Geld und Profit stehen und wendet sich an Menschen und Unternehmen, die für Nachhaltigkeit und Gemeinwohl stehen – diese Werte werden auch bei der Kreditvergabe evaluiert werden. Jene Kunden und Kundinnen, die ihre Spareinlagen bei der neuen Bank platzieren, werden darüber mitbestimmen können, welche gemeinnützigen Projekte mit ihrem Geld gefördert werden – dafür werden sie zum Zinsverzicht eingeladen.
Der Umgang mit Kundengeldern soll bewusst verantwortungsvoll gestaltet sein. Spekulation mit Kundengeldern ist ausgeschlossen. So bietet die Bank ihren Anlegern ein hohes Maß an Sicherheit und achtet darauf, dass die Einlagen sicher und ohne Umschweife auf realwirtschaftlicher Ebene den Menschen zu Gute kommen, die damit sinnvolle Investitionen und Vorhaben finanzieren möchten.

Kredite bei einer ethischen Bank

Wie Christian Felber in seinem Buch „Gemeinwohlökonomie“ ausführt, werden Kreditansuchen bei der Bank für Gemeinwohl zwar genauso wie im klassischen Bankgeschäft einer Bonitätsprüfung und einer Prüfung auf ihre ökonomische Rentabilität unterworfen, zusätzlich aber auch einer Prüfung auf ihren sozialen und ökologischen Mehrwert. Für diese „Gemeinwohl-Prüfung“ gibt es ebenso vorgegebene Richtlinien wie für die ökonomische Bonitätsprüfung. Grundlage dieser Gemeinwohl-Prüfung wird ein der Gemeinwohl-Bilanz verwandtes Bewertungsverfahren sein, bei dem Bewertungskriterien wie Menschenwürde, Solidarität, Ökologische Nachhaltigkeit, Soziale Gerechtigkeit, Demokratie und Transparenz eine wichtige Rolle spielen. Investitionsvorhaben mit besonders hohem sozialem und ökologischem Mehrwert erhalten Kredite unter Umständen dann kostenlos oder sogar mit „negativem Zins“, was durch Einlagen mit Zinsverzicht oder höheren Zinsen bzw. Gebühren für Kredite finanziert wird, die nur die Mindestanforderungen erfüllen. Projekte, die einen sozialen oder ökologischen „Minderwert“ schaffen, z.B. ein Stall für Massentierhaltung, ein Atomkraftwerk oder Rüstungsproduktion, erhalten gar keine Finanzierung, selbst wenn sie betriebswirtschaftlich hochrentabel wären. Damit wird die Bank auch zum Steuerungsinstrument für eine sozial und ökologisch nachhaltige Entwicklung. „Ethisches Investieren“ wird zum Standard.

Ethische Banken und Geldschöpfung

Das Geschäft mit Einlagen und Krediten soll bei einer ethischen Bank nach Möglichkeit genau so funktionieren, wie sich der „Normalbürger“ das vorstellt: Auf der einen Seite gibt es die Spareinlagen, die von der Bank auf der anderen Seite 1:1 für die Kreditvergabe verwendet werden.

Die tatsächliche Situation stellt sich im liberalisierten Geschäft der klassischen Banken jedoch ganz anders dar: Da Geschäftsbanken nur wenige Prozente ihrer Einlagen als sogenannte Mindestreserve halten müssen, haben sie die Möglichkeit ein Vielfaches ihrer Einlagen als Kredite zu vergeben – dies nennt man die Giralgeldschöpfung der Banken. Dadurch entsteht ein riesiger Hebel, der das Profitpotential der Bank stark erhöht, genauso jedoch auch das Risikopotential. Denn wenn nur ein paar Prozent der so vergebenen Kredite mehr als durchschnittlich üblich, nicht mehr einbringlich sind, kann das gesamte Kartenhaus in sich zusammenbrechen. Genauso wie es bei der Hypo Alpe Adria Bank passiert ist.
Da in der Bank für Gemeinwohl keine Gewinnmaximierung angestrebt wird, kann und will die Bank mit dem Thema der Geldschöpfung bewusst sehr verantwortungsvoll umgehen oder diese nach Möglichkeit gänzlich vermeiden.
Da sich außerdem bei den bereits aktiven ethischen Banken gezeigt hat, dass Kreditausfälle bei Krediten, die neben der Bonitätsprüfung auch einer ethischen „Gemeinwohl-Prüfung“ standgehalten haben, extrem gering sind ( die GLS-Bank berichtet z.B. über Kreditausfälle im Promillebereich, während klassische Banken mit Kreditausfällen von 2-5 Prozent kalkulieren), verringert sich das Insolvenzrisiko einer ethischen Bank auch aus diesem Aspekt heraus deutlich.

Auf zur Gründung! 

Ethische Banken in ganz Europa haben ähnliche Konzepte, Strategien und Visionen bereits erfolgreich umgesetzt.
Nun liegt es an uns, dazu beizutragen, dass auch in Österreich ein neues Denken im Bankensektor Einzug hält und damit nicht nur direkt verändernden Einfluss auf das Banken- und Finanzsystem ausübt, sondern auch indirekt. Nämlich dann, wenn auch andere Banken damit beginnen, ihre Geschäfte und Strategien jenen der ethischen Banken anzunähern und anzupassen. Und mit der Gründung der Bank alleine endet die gesellschaftspolitische Vision noch nicht: Das Projekt versteht sich auch als Bildungsauftrag für die gesamte Gesellschaft, um langfristig einen Perspektivenwechsel in Richtung Nachhaltigkeit im Finanzsektor zu fördern.

Wenn auch Sie einen Beitrag leisten möchten, mitarbeiten oder Genossenschafter werden wollen oder einfach weitere Informationen wünschen, nehmen Sie Kontakt mit der Bank am Bürostandort Wien oder mit einer der Regionalgruppen in ganz Österreich auf.

Factbox:

Projekt Bank für Gemeinwohl
Rechte Wienzeile 81
1050 Wien
HP: www.mitgruenden.at
Mail: info@mitgruenden.at
Facebook: „Projekt Bank für Gemeinwohl“

Regionalgruppe Vorarlberg des Projekts Bank für Gemeinwohl
Mail: rg_vorarlberg@mitgruenden.at
Kontakt: Dr. Michael Zorn

Die Artikel von Dr. Michael Zorn (www.mitgruenden.at) sind auch im JA-Magzin (www.ja.or.at) erschienen.