„Das Wunder der Wertschätzung – wie wir andere stark machen und dabei selbst stärker werden“ lautet der Titel des neuen Buches von Psychiater und Neurologe Prof. Dr. med. Reinhard Haller, der unserer innewohnenden Sehnsucht nach positiver Zuwendung auf den Grund geht. Haller zeigt auf, dass wir als liebes- und lobesbedürftiges Wesen ohne diese positive Zuwendung nicht gesund bleiben können. Wertschätzung sei viel mehr als Höflichkeit oder Freundlichkeit. Sie ist die innere Haltung der Aufmerksamkeit, Achtung und Achtsamkeit, die uns erst den wohlwollenden Umgang mit anderen ermöglicht – auch wenn wir etwa Kritik üben. Fehlende Wertschätzung in Zeiten der sozialen Kälte ist nicht nur mit Selbstzweifel und eingeschränktem Sicherheitsgefühl verbunden, sondern begünstigt psychische Probleme, führt zu Beziehungsschwierigkeiten und erhöht die Aggressionsbereitschaft.

Von Verena Daum (www.progression.at, www.garden-eden.org)

„Der Mangel an Zuwendung macht krank – Individuen und Gesellschaften“ weiß Prof. Haller. Eine ganze Palette neurotischer und psychosomatischer Störungen, auch Suchterkrankungen haben mit dem Gefühl fehlender Wertschätzung zu tun. Konflikte in Partnerschaft und Familie, im beruflichen Umfeld, in der Wirtschaft und der „großen“ Politik werden durch mangelnde Wertschätzung ausgelöst. Aus Wertschätzungsproblemen resultieren suizidale Tendenzen über Beziehungsdelikte bis zu Amokläufen und Terror. „Durch ein richtiges Maß an Wertschätzung stärkt jeder Einzelne die Mitmenschen, vor allem aber sich selbst“, betont Haller und ergänzt: „Mit diesem Buch habe ich mir zum Ziel gesetzt, Sie, liebe Leserinnen und Leser, Schritt für Schritt für das Thema Wertschätzung zu sensibilisieren – ganz ohne Schulmeisterei und erhobenem Zeigefinger, denn beides wäre nicht wertschätzend.“ Der Mensch ist ein empathiebedürftiges Wesen und kommt auch mit innewohnender Empathie zur Welt, die es zu kultivieren gilt. Viktor Frankl: „Das Gefühl kann viel feinfühliger sein, als der Verstand scharfsinnig.“ Reinhard Haller führt aus: Der Mensch ist von Anfang an – seit es ihn auf der Erde gibt und bereits im Mutterleib – auf positive Zuwendung angewiesen. Sein Wesen wird ein Leben lang beherrscht von seinem Urbedürfnis nach all dem, was in dem Begriff LIEBE enthalten ist. Ohne die drei Z – Zuwendung, Zärtlichkeit, Zeit – ist eine gesunde psychische Entwicklung nicht möglich. Wenn Eltern ihren Kindern mit Fürsorge und Liebe begegnen, fördern sie deren Selbstwertgefühl. Je beschützter sich ein Kind fühlt, desto höher wird seine Selbstsicherheit sein, und je tiefer es seine Geborgenheit empfindet, desto empatihscher fallen später die eigenen Gefühlsreaktionen aus. Durch vorgelebte Zuwendung und Zärtlichkeit bieten die Bezugspersonen und Erzieher ein Vorbild für anteilnehmendes Verhalten.

Jemandem Vertrauen zu schenken ist größte Ehre und Wertschätzung

Vertrauen sei ein wichtiger Faktor im Zusammenleben. Jemandem Vertrauen zu schenken bedeutet größte Ehre und hohe Wertschätzung. Man beschreibt Vertrauen als Gefühl der Echtheit und Wahrhaftigkeit von Denken, Fühlen und Handeln gegenüber anderen Personen. Dazu Empfehlungen, welche sich auf Partnerschaft, Familie oder Schule und Vereine übertragen lassen: Ein einzelner Vertrauensbruch soll nicht unnötig aufgebauscht werden; gegenseitiges Kennenlernen und Miteinander-vertraut-Werden sind sehr wichtig; Transparenz ist erforderlich, soll aber nicht übertrieben werden; erst wenn es einen Vertrauensvorschuss gibt, entsteht Vertrauen; damit sich Vertrauen überhaupt entwickeln kann, braucht es zumindest zwei Personen.

Die höchste Form der Wertschätzung ist die Liebe

Unzweifelhaft stellt die Liebe die höchste, edelste und reinste, aber auch am schwierigsten zu erreichende Form der Wertschätzung dar. Die moderne Liebesforschung befasse sich verstärkt mit dem Verhältnis der Liebe zu Fürsorge und Bindung, führt Prof. Haller aus. Psychologisch interpretiert man Liebe in in erster Linie als Emotion, aber auch als geistigen Prozess (Kognition) und in jüngster Zeit als biologisches Geschehen, welches im Rahmen der Evolution die Funktion habe, den Erfolg der Fortpflanzung zu erhöhen. Liebe entstehe dann, so meint die Hirnforschung, wenn es zu einer Erregung bestimmter Hirnregionen komme. Mehr psychosoziologisch orientierte Forschungsrichtungen betrachten Liebe nach der Dreieckstheorie als Zusammenspiel von Leidenschaft, Intimität und Engagement. Ein kognitiver Ansatz nimmt eine Einteilung in sechs verschiedene Liebesstile vor – Liebe kann demnach romantisch, spielerisch, freundschaftlich, pragmatisch, besitzergreifend und altruistisch sein. Sie umfasst als eines der faszinierendsten Phänomene, als tiefstes menschliches Bedürfnis und als Ziel aller Sehnsüchte biologische, emotionale  und kognitive Aspekte. Liebe ist mehr als Wertschätzung, ist ist aber ohne diese gar nicht möglich. Zum Gegenpol der Wertschätzung zitiert Haller Benjamin Franklin: „Schreib Kränkungen in den Staub, Wohltaten in den Marmor!“ Soll abgekürzt heißen: „Besonders reife Menschen sind in der Lage, in den Feinden die besten Lehrer und in den Kränkungen beziehungsweise Entwertungen die besten Lehren zu sehen.“

Wie wir wahre Größe erlangen

Wenn wir lernen, Kränkungen und Entwertungen zu erkennen, uns dagegen zu wappnen und einen positiven Kreislauf in Gang zu setzen. Wir schützen unseren eigenen Selbstwert – eine wichtige Voraussetzung, um mit anderen wertschätzend umzugehen. So werden wir zu einem Segen für unsere Mitmenschen, beweisen aber auch Größe und Persönlichkeit. Das positive Feedback stärkt wiederum unser Selbstbewusstsein und unsere Ausstrahlung. Die edelste und den Selbstwert in ungeahnte Höhen hebende Form jeglicher Kränkungsbewältigung wäre das Verzeihen, das allerdings über die Psychotherapie hinausgeht und eigentlich in den seelsorgerischen Bereich fällt. Verzeihen ist nicht einfach und verlangt viel an Selbstüberwindung und Verzicht – das legt schon die gemeinsame Wurzel der Wörter verzeihen und verzichten nahe. Gemeint ist der Verzicht auf weitere Schuldzuweisungen, auf Racheaktionen und Wiedergutmachung. Ebenso fordert das Verzeihen Mut und Demut. Mut, weil durch den Verzicht auf die genannten menschlich verständlichen Reaktionen das eigene Selbstwertgefühl möglicherweise verunsichert wird. Und Demut hilft dabei, sich selbst nicht so wichtig zu nehmen. Verzeihen ist deshalb als eine besondere Form der Wertschätzung zu betrachten. Mit Vergebung oder Verzeihung federn wir aber nicht nur Feindseligkeiten ab, sondern befreien uns selbst von den düsteren Schatten der Vergangenheit. Wenn es uns gelingt, den selbstzermürbenden Prozess aus Ärger, Grübelei, Freudlosigkeit und Rachegedanken hinter uns zu lassen, stärken wir die eigene Persönlichkeit. Wir werden souveräner, gelassener und vielleicht glücklicher. Mahatma Gandhi (1869-1948), der große Weise Indiens, hat die Wechselwirkung zwischen Verzeihen und eigenem Wert erkannt: „Der Schwache kann nicht vergeben. Jemandem vergeben zu können ist die Eigenschaft starker Menschen.“