Berlin – Wir alle sollten uns aktiv und innovativ an den Lösungen der großen Menschheitsprobleme beteiligen, die Chancen der Veränderung nützen und Friedens-, Ernährungs- und Existenzsicherung durch die Ressourcen-, Energie- und Agrarwende herbeiführen. Eine übergeordnete Weltvernunft gibt es nämlich nicht und die Konsum-, Wegwerf- und Leistungsgesellschaft funktioniert nicht mehr, erläuterte der deutsche Philosoph und Bestseller-Autor Richard David Precht im Interview mit Jan Thomas von 17. Juni 2017 in berlinvalley.com. Es bedarf keiner Kommentierung der Aussagen Prechts, daher möchte ich den Philosophen lediglich auszugsweise zitieren.

Verena Daum

Richard David Precht sieht im Interview mit berlinvalley.com heute einen starken Bedarf an philosophischer Orientierung: „Wenn man überlegt, wann es in der Vergangenheit jemals einen so großen Bedarf an Philosophen gab, dann gibt es eigentlich nur zwei Zeitalter. Zum einen war es die große Umbruchszeit, als die Demokratie in Athen den Bach runterging. Damals lebten Platon und Aristoteles. Alexander der Große planierte anschließend alles wieder. Dann errichteten die Römer ihr Imperium und waren ohnehin eher praktisch als philosophisch veranlagt. (…) Und heute erleben wir wieder einen gewaltigen Umbruch. Jene bürgerliche Arbeitsgesellschaft, die zwischen 1750 und 1830 entstanden ist, bricht jetzt vollständig um in etwas anderes. Die klassische Leistungsgesellschaft funktioniert nicht mehr, wenn für die Hälfte der Leute keine Arbeit mehr da ist, weil Computer und Roboter sie erledigen. (…) Heute definiert sich der Menschen noch primär über Arbeit. Der Mensch definiert sich erst seit 250 Jahren über die Arbeit. Wir beobachten, dass die meisten jungen Leute inzwischen sagen: ‚Wir brauchen nicht mehr Zeug, wir brauchen mehr Zeit.‘ Sie wollen eine Arbeit machen, in der sie selbst vorkommen, die Sinn macht.“

„Bildung bedeutet, sich selbst in die Lage zu versetzen, aus sich selbst heraus Ziele zu entwickeln und diese auch zu verfolgen“

„Aber dieser Aspekt kommt in unseren Schulen so gut wie nicht vor“, bedauert Precht gegenüber Jan Thomas von berlinvalley.com. „Dort lernt man immer für eine Belohnung, für Zensuren, und später in der Arbeitswelt für Geld. Im Zusammenhang mit der wegbrechenden Arbeit muss man auch die Sharing Economy betrachten. In Deutschland hängen viele Jobs an der Automobilindustrie. Autos stehen statistisch belegt pro Tag 23 Stunden ungenutzt herum. Was passiert, wenn das Interesse am Autobesitz sinkt? Wenn man eine Flatrate pro Monat zahlt und dafür eine tarifabhängige Reichweite an Kilometern nutzen kann, bräuchte man wahrscheinlich nur noch zwischen einem Fünftel und einem Siebtel der gegenwärtig existierenden Fahrzeuge. Das wäre das Ende der deutschen Automobilindustrie, wie wir sie kennen. (…) Ich rede häufiger mit der Automobilindustrie. Die Hersteller verfügen über sehr gute Marken. Mercedes ist eine Weltmarke, und mit einer Weltmarke kann man viel anfangen. Da muss man nicht unbedingt Autos bauen. Wenn sich die Zahl der Autos massiv reduziert, wird auch das Geschäftsmodell im Automobilsektor ganz klein. Die Strategie müsste daher sein, jetzt in ganz neue und andere Zukunftsfelder zu investieren, die nichts mehr mit Verkehrsmitteln im klassischen Sinne zu tun haben. Das tun die Konzerne aber nicht. Denn die Auftragsbücher sind gut gefüllt, der Automobilindustrie geht es so glänzend wie selten zuvor. Versuchen Sie mal, den Aktionären zu erklären, dass ein erfolgreiches Geschäftsmodell so nicht weitergeht!“

Bedingungsloses Grundeinkommen ist für funktionierende Binnenmärkte laut Precht in Zukunft eine Zwangsläufigkeit

„Es gibt keine Alternative. Wir müssen verhindern, dass die Binnenmärkte zusammenbrechen und dass Leute, weil sie keiner Erwerbsarbeit nachgehen, kein Geld in der Tasche haben. Deswegen müssen wir das Grundeinkommen einführen. Ich bin sicher, dass es kommen wird, und zwar völlig ungeachtet der Frage, was für ein Menschenbild dahintersteht. Aber wir Deutschen werden nicht die Vorreiter sein. Die Finnen werden damit beginnen, später die Dänen und die Holländer – und irgendwann machen wir das auch“, erklärt Precht und betont, dass Konzerne wie Google die Weltprobleme wie Hunger nicht lösen werden: „Schaut man sich an, was sie im Silicon Valley seit der Erfindung des Smartphones noch zustande gebracht haben, und vergleicht dann, was zu Beginn des 20. Jahrhunderts passiert ist: Elektrifizierung, Erfindung des Telefons, von Aufzügen, des Automobils, des Flugzeugs und so weiter. Das war seinerzeit eine komplette Revolutionierung der Lebenswelt. Und hinter all diesen Entwicklungen standen Persönlichkeiten wie Otto Lilienthal oder die Gebrüder Wright, die überhaupt nicht auf ein ökonomisches Modell ausgerichtet waren. Im Silicon Valley geht es wie in der ‚Höhle der Löwen‘ um das schnelle, sichere Geschäftsmodell. Aber diese Einstellung blockiert die Kreativität völlig. Viele Dinge, die am Anfang verrückt aussehen und am Ende einen Segen für die Menschheit bringen könnten, werfen kein schnelles Geld ab und werden daher nicht gefördert. Es ist so eigentümlich: Tausende von intelligenten Leuten sind im Valley versammelt und für die wirklichen Probleme der Menschheit kommt so wenig heraus.“

„Wir leben in einer Gesellschaft, in der das Effizienzdenken die Kreativität abtötet“

„Wenn man dreimal McKinsey durchgejagt hat, ist keine Kreativität mehr vorhanden. Dann ist alles so effizient, dass nichts Neues mehr entstehen kann. Kreativität entsteht, wenn man Zeit hat und nicht in Zweckzusammenhänge eingebunden ist“, erläutert Precht. „Nehmen wir die landwirtschaftliche Intensivhaltung. Die weltweite Viehhaltung ist der größte Klimakiller und Umweltsünder. Doch der einzelne Unternehmer, der etwas macht, das millionenfach multipliziert für den Planeten brandgefährlich ist, sieht sich persönlich – zu Recht – nicht für die Probleme der Welt verantwortlich, sondern für seine Mitarbeiter, für seinen Betrieb, für seine Kinder und so weiter. Der bewegt sich in einer ganz eigenen Logik, die aber für die großen Zusammenhänge fatal ist. Zwar findet er es nicht gut, dass der Regenwald abgeholzt wird, aber er sagt sich: ‚Das mache ich doch nicht!‘ Trotzdem ist er Teil dieses Systems. Deshalb brauchen wir eine übergeordnete Instanz, die eine globale Perspektive einnimmt. Aber dafür sehe ich wenig Chancen. Es funktioniert ja noch nicht einmal in Fragen von Krieg und Frieden. Es gibt keine Weltvernunft.“

Die globalisierte Ökonomie war Fluch und Segen, hat Wohlstand ermöglicht, aber gleichzeitig den Planeten an den Rand des Ruins gebracht

„Die Ökonomie bräuchte deshalb ein Korrektiv. Aber auf welcher Ebene? Auf regionaler, nationalstaatlicher und globaler Ebene gibt es solche Korrektive nicht. Zurzeit fahren wir uns als Gesamtheit an die Wand, obwohl ganz viele Leute dies sehen und nicht gut finden“, sagt Precht und zur vorangetriebenen Eroberung des Weltraums: „Der überflüssigste Quatsch, den man sich überhaupt vorstellen kann.“ Eine echte und wichtige Aufgabe für Startups sieht Precht im Hinterfragen und lösungsorientiertes Aufarbeiten der Fragen: Wer hungert und warum? „Denn wenn aus einem Hungerland ein Land wird, in dem die Menschen keinen Mangel mehr leiden, entsteht ein gewaltiger Absatzmarkt. Und der ist für Unternehmen hochinteressant. Oder die Überlegung, wie man als Startup in Entwicklungsländern kreativ verhindern kann, dass nur für den Export produziert wird. So etwas wäre Entwicklungshilfe pur. Es geht also darum, die vorliegenden Probleme zu lösen – und sich nicht zur blindwütigen Wachstumssteigerungs-Schnickschnack auszudenken, den die Menschheit nicht braucht.“

Wir brauchen dringend eine (weltweite) Bildungsoffensive, die für Empathiefähigkeit, Sozialkompetenz, für Chancengleichheit und Talentförderung steht