„Klug investieren“ für eine lebenswerte Zukunft auf diesem Planeten will Umweltministerin Leonore Gewessler. „Klimaschutz bringt neue Jobs“, ist sie im Interview mit den Vorarlberger Nachrichten überzeugt. So sei in der Wirtschaft und allen Lebensbereichen der Natur- und Klimaschutz das beste Konjunkturpaket.

Von Verena Daum (das Interview ist am 12. Mai 2020 in der Extra-Ausgabe „Bewusst leben“ der Vorarlberger Nachrichten erschienen)

Welche sind die Säulen für Ihr Konjunkturpaket nach Corona?

GEWESSLER Wir haben jetzt in der Coronakrise gespürt, wie sich Krise anfühlt. Das Gute daran ist: Das Coronavirus können wir mit unseren Maßnahmen, Solidarität und der Wissenschaft wieder in den Griff bekommen. Gegen die Klimakrise gibt es jedoch keine Impfung, wenn sie einmal in vollem Ausmaß da ist, wird der Krisenzustand zum Dauerzustand. Deshalb müssen wir nach der Coronakrise klug investieren. Einerseits, weil wir uns gegen die drohende Wirtschafts- und Arbeitsmarktkrise stemmen müssen, andererseits, weil wir auch in schwierigen Zeiten den Klimaschutz nicht aus den Augen verlieren dürfen. Klimaschutz schafft Arbeitsplätze und sorgt für eine lebenswerte Zukunft auf diesem Planeten. Vom Ausbau der Erneuerbaren Energie bis hin zur Bahninfrastruktur liegen imKlimaschutz unzählige Chancen, die wir jetzt nützen wollen.

Ökologisch nachhaltig bauen im Naturkreislauf: Was muss hier im Raumplanungs- und Baugesetz verankert werden?

GEWESSLER Hochwertige Sanierungen und energieeffiziente Neubauten sind ein wichtiger Baustein für langfristig wirksamen Klimaschutz und wichtige Impulse für die heimische Wirtschaft. Ebenso wichtig ist, dass die Sanierungen und Neubauten von heute nicht die Altlasten von morgen werden. Daher muss neben Energieeffizienz und erneuerbaren Energieträgern auch auf die eingesetzten Baumaterialien geachtet werden. Der Einsatz regional vorhandener Roh- und Reststoffe und die Recyclierfähigkeit von Baustoffen müssen „Standard“ werden. Zudem spielen auch die Raumordnung und die Entwicklungsplanung eine wichtige Rolle. Daher haben wir uns im Regierungsprogramm zu einer klimaschutzorientierten Energieraumplanung bekannt. Da geht es zum Beispiel um verbesserte raumplanerische Rahmenbedingungen zur Festlegung von Versorgungszonen für Fernwärme. Auch in Vorarlberg hat Johannes Rauch mit dem internationalen Symposium „natur vielfalt bauen“ 2018 hier einen wichtigen Impuls gesetzt.

Zukunftsfähige Infrastruktur pro Natur- und Klimaschutz mit u.a. Erhaltung und Schaffung von Grünraum: Wasmuss hier umgesetzt werden?

GEWESSLER Wir sehen aufgrund der bestehenden Rechtslage einige Möglichkeiten, um schon jetzt Projekte imSinne einer natur- und klimaschutzfreundlichen Infrastruktur umzusetzen. Als positives Beispiel kann hier die Einhausung Amras in Innsbruck angeführt werden, bei welcher durch die kreative Gestaltung der Infrastruktur am Dach der Einhausung eine Spiel- und Liegewiese errichtet wurde.

Ökotechnologien der Zukunft: Wie werden erneuerbare Energien und Ökotechnologien wie Wasserstoff/Wasserkraft/Forschung, Sonne, Wind, Biogas, Reststoffverwertung, Bodenwärme usw. gefördert und forciert?

GEWESSLER Gerade im Bereich der Erneuerbaren Energie liegt noch viel Potenzial. Wir sind in Österreich bereits gut aufgestellt – für unser Ziel 100% Strom aus erneuerbarer Energie bis 2030 ist aber noch einiges zu tun. Und gerade in Zeiten der Krise haben wir wieder gesehen wie wichtig es auch ist, dass wir unsere Energie im Land selbst produzieren können. Der Ausbau der Erneuerbaren ist also nicht nur eine Frage des Klimaschutzes, sondern auch eine Frage der Versorgungssicherheit. Hier sind wir gerade mitten in der Umsetzung. Ein neues Erneuerbaren-Ausbau-Gesetz geht bis Anfang des Sommers in Begutachtung. Und auch bei den Förderungen wird es weitere Verbesserungen geben.

Gelingt eine solche nachhaltig zukunftsfähige Umstrukturierung pro Natur- und Klimaschutz, welche neuen Unternehmensbereiche und Arbeitsplätze entstehen dadurch?

GEWESSLER Mit einer klimafitten Wirtschaft kommen auch vielfältige und neue Berufe. Klar ist: Klimaschutz schafft Arbeitsplätze. Denn die PV-Anlage am Dach montiert der/die lokale Elektriker(in), der alte Ölkessel wird von einem lokalen Installateur mit einem klimafreundlichen Heizsystem getauscht. Dafür brauchen wir viele Fachkräfte. Vom Windkrafttechniker zur Lokführerin, der Klimaschutz bringt neue Berufsbilder und verändert alte. Diese Entwicklung wollen wir unterstützen. Mit Qualifizierungsmaßnahmen und Angeboten für die ArbeitnehmerInnen. Denn gerade jetzt geht es um eine sichere Zukunft für alle – das bedeutet sichere Arbeitsplätze genauso wie echten Klimaschutz.

STATEMENTS pro Natur- und Klimaschutz:

„Die Inatura Dornbirn ist längst fester Bestandteil der Bildungslandschaft des Landes Vorarlberg. Wir vermitteln achtsamen und respektvollen Umgang mit der Natur, wichtige Daten und Fakten – interessant und unaufgeregt. Gerade in der Coronakrise hören und lesen wir plötzlich von erreichten Klimazielen, besserer Luft- und Wasserqualität in großen Städten sowie Einsparung von Energie – darin läge nun die große Chance, für die Zeit nach Corona die zukunftsfähigen Prozesse in Schwung zu bringen, die Weichen richtig zu stellen.“ GF Ruth Swoboda, Direktorin Inatura Dornbirn

„Mit unseren innovativen Ökotechnologien,
Anlagen, Systemen und
Prozessapparaten bieten wir effiziente
und nachhaltig umweltschonende
Lösungen für die Herausforderungen
in der Energieversorgung der
Zukunft. Mit Qualität und Know-how
auf höchstemNiveau zählen BERTSCHenergy
und BERTSCHservice
zu den führenden Unternehmen im
internationalen Kraftwerksbau und
ermöglichen Industriebetrieben eine
energieoptimierte und umweltneutrale
Verwertung von Reststoffen
– und setzen damit aktiv Maßnahmen
zur Erreichung der Klimaziele.“
CEO Ing. Hubert Bertsch,
Eigentümer der BERTSCHgroup

„Der wichtigste Aspekt für ökologische
Maßnahmen im Bauen/Raumnutzung
ist die Verbindung mit sozialen und
kulturellen Fragestellungen. Sozial,
weil es um den Einfluss des Menschen
auf die Umwelt geht – umdie Verantwortung,
die wir für alles haben,
was wir in dieser Welt verursachen.
Kulturell, weil alles, was wir lieben
und uns wertvoll und wichtig ist, von
größerer Dauer ist. Ich plädiere daher
fürs Wiederverwenden, die Aktualisierung
von Vorhandenem, langlebige
Materialien, gute Verarbeitung sowie
verantwortungsvolle Planung und
Projektentwicklung.“
Dr. Dir. Verena Konrad,
vai Vlbg. Architektur Institut

„Neubauten im urbanen Gebiet
gehören generell mehrgeschoßig in
die Höhe gebaut, Parkplätze unter die
Erde! Zukunfts- und anpassungsfähige
Bäume für Beschattung, fürs Mikroklima
und die Wasserregulierung müssen
gepflanzt und in jedem Baubescheid
automatisch vorgeschrieben werden.
Straßen und Wege als Alleen anlegen.
Anstatt Rasen gehören blühende
Naturwiesen mit regionalen Samen in
Dörfer und Städte, dazu gehört auch
Totholz gelegt, genauso wie Brennnesselflächen,
Blühhecken sowie Kräuterund
Gemüseflächen.“
Autor/Berater Conrad Amber,
„Die Stimme der Bäume“

„Für unsere Kinder und Kindeskinder
liegen unserem gesamten Team Natur,
Umwelt und Klima sehr am Herzen.
Der Umweltschutzgedanke ist seit
jeher zentraler Teil unserer Firmenphilosophie
– im laufenden Prozess und
gesamtheitlichen Geschäftsmodell.
Auch in der Vorarlberger Industriellenvereinigung
stehen wir voll und
ganz zumKlimaschutz und wollen
klug gestalteteMaßnahmen pro aktiv
antreiben, um auch international zum
Nachahmen anzuregen. Mutige Vorreiter
in Industrie und Wirtschaft sind
wesentlicher Teil der Lösung.“
GF Christine Schwarz-Fuchs, Buchdruckerei Lustenau,
IV-Vizepräsidentin Vlbg.