Altamira/Brasilien, Bregenz/Vorarlberg – Alt-Bischof und Befreiungstheologe Dom Erwin Kräutler wirkte Jahrzehnte am Xingu und Amazonas in Brasilien für den Frieden, für die Rechte der indigenen Bevölkerung und eine faire Weltwirtschaftsordnung, die keinen Schaden verursacht, sondern allen Wesen nützt, und schrieb anlässlich der für ihn unangemessenen Feierlichkeiten „500 Jahre Lateinamerika“ im Jahr 1992 seine Erfahrung und Sichtweise zur grausamen und schändlichen europäischen Kolonialisierungsgeschichte, die heute als Neokolonialisierung im Casinokapitalismus und Neoliberalismus zu eskalieren droht, nieder. Der Text geht unter die Haut, macht betroffen und ist aktueller denn je, denn gerade heute wird mit derselben heuchlerischen Bigotterie die „verbotene Frucht“, die Macht- und Geldgier, die über Leichenberge geht, von derselben Clique wie einst massenmedial „gerechtfertigt“. „Jedes Kind, das heute verhungert, ist ermordet worden“, bringt es der Soziologe Jean Ziegler auf den Punkt.

„500 Jahre Lateinamerika – die Nacht ist noch nicht vorüber“ von Dom Erwin Kräutler (1992)

Aus der Geschichte zu lernen setzt den Mut voraus, die Fehler und Fehlentscheidungen, die Völker mordenden und Mitwelt schädigenden Auswüchse von Herrschaft und Machtgier der Menschen und Nationen beim Namen zu nennen, ihre kriegerischen Schand- und Gräueltaten anzuprangern. Die historische Schuld der Kirche muss einmal ohne jede Verschleierungstaktik eingestanden werden. Es geht um die Wahrheit, die gerade der Kirche „heilig“ sein sollte. Der Mut zur Wahrheit wird einen Bekehrungs- und Umdenkprozess einleiten, den wir alle nötig haben! Dieser Prozess ist nur möglich, wenn wir zunächst unser Gewissen erforschen, dann Fehler eingestehen und sie bereuen. Reue und Bitte um Vergebung genügen aber nicht. Schuld muss erkannt und wieder gut gemacht werden. Andere Wege müssen wir gehen, eine andere Richtung einschlagen, die wirklich eine „Neue Welt“ gebiert, in der eine gerechte Ordnung auf zwischenmenschlicher und gesellschaftlicher, auf nationaler und internationaler Ebene erblüht.

Christoph Kolumbus öffnet für Europa das Tor zur Neuzeit. Für die Ureinwohner ist die „Entdeckung“ jedoch der Anfang vom Ende, der Beginn des Untergangs. Kolumbus küsst den Boden der „Neuen Welt“. Das Banner des Gekreuzigten wird am 12. Oktober 1492 aufgepflanzt. Dieser 12. Oktober ist ein Freitag. Die frühe Morgenstunde des Jahrhunderte währenden Karfreitags von Lateinamerika. Auf der Insel Guanahani, auf der die Europäer zum ersten Mal an Land gehen, dauert es nur 25 Jahre, bis alle Ureinwohner ausgerottet sind. Das ist aber erst der Anfang des Indianerkarfreitags.

Kolumbus selbst beschreibt in einem Bericht an den spanischen Hof die Indios als sehr freundlich, herzlich und friedliebend: „So fügsam und friedlich sind diese Menschen, dass ich Euren Majestäten schwöre, es gibt auf der Welt kein besseres Volk – sie lieben ihre Nächsten wie sich selbst.“ Einige Tage danach, am 27. Oktober 1492, legen die Europäer auf dem heutigen Kuba an. Bartolomé de Las Casas berichtet wenige Jahrzehnte später: „Die Insel Kuba ist heute menschenleer.“ Am 6. Dezember desselben Jahres kommen sie nach Haiti, hier wird der Stützpunkt „La Navidad“ gegründet. Spaniens Soldaten vergelten die von Kolumbus beschriebene indianische Freundschaft und Hilfsbereitschaft mit Plünderung, Versklavung und Vergewaltigung. Als sich die Indios schließlich zur Wehr setzten, zahlen sie mit ihrem Leben. Haiti zählt im Jahr 1492 eine Million Einwohner, dreißig Jahre später war die Urbevölkerung auf 16.000 zusammengeschrumpft. Im Jahr 1500 betrug die Erdbevölkerung 400 Millionen Menschen. 80 Millionen davon bewohnten den Kontinent südlich des Rio Grande, also das heutige Lateinamerika und die Karibik. Schon 1570 war die Bevölkerung auf 10 Millionen reduziert. Portugal hatte zur gleichen Zeit eine Million Einwohner, Spanien und England drei Millionen. Fassungslos stehen wir vor dem größten Holocaust der Geschichte der Menschheit! Dazu kommen noch Millionen von afrikanischen Sklaven, die in ihrem Land wie Hasen gejagt und dann nach Lateinamerika und in die Karibik verschleppt wurden. Unzählige kamen elend auf den Transportschiffen um, Abertausende wurden Opfer der Zwangsarbeit.

Mehr als 25 Millionen Azteken leben 1519 in Mexiko, als der Eroberer Hernán Cortéz ankommt.

Die Einwohnerzahl ihrer Hauptstadt Tenochtitlan ist vergleichbar mit Paris in derselben Epoche. Die Stadt war eine Art Venedig in einem Salzsee 2600 Meter über dem Meer. Der 60 Meter hohe Stufentempel war mit Kunstwerken geschmückt, der Kaiserpalast und der riesige Marktplatz blendeten mit ihrem Glanz Hernán Cortéz, der von soviel Schönheit überwältigt ausruft: „Das ist wohl das Schönste, das es auf dieser Welt gibt.“ Als die „Diener und Ausbreiter der Macht Christi und unseres Königs“, wie Cortez sich selbst und seine mordenden, plündernden, Frauen schändenden Soldaten nennt, in Tenochtitlan eindringen, metzeln sie auf Anhieb 40.000 Azteken nieder. Cortéz berichtete dem Katholischen König von Spanien mit einem nicht zu überbietenden Sadismus: „Das Heulen, Weinen, Schreien und Wehklagen der Frauen und Kinder hätte selbst ein Herz aus Stein erweichen müssen … so viele Tote lagen herum, dass wir den Fuß nicht auf den Erdboden setzen konnten.“ Und Cortéz bewertet diese Gemetzel als Maßnahme „im Namen des allmächtigen Gottes der Güte“. Denn, „wenn wir gegen die Götzendiener kämpfen, die ja Feinde Christi sind, kämpfen wir für die Sache Christi“. Das alte Mexiko wird zu Neu-Spanien. Im „Namen Gottes“ wird ein Volk und seine glanzvolle Kultur vom Erdboden weggefegt. Von den 25 Millionen Azteken, die Cortéz antraf, sterben in den ersten vier Jahren mehr als acht Millionen bei Kriegshandlungen und als Opfer eingeschleppter Krankheiten. Um das Jahr 1600 gab es nur noch eine Million.

Das Inka-Reich war ein Vielvölkerstaat, der etwa 500 unterschiedliche Volksgruppen vereinigte.

Es war das am besten organisierte Staatswesen des Kontinents. 900.000 Quadratkilometer umfasste das Reich. Es gab Bewässerungssysteme, Ackerbauterrassen, herrliche Bauten und Paläste, eine Art Postsystem, ein 6000 Kilometer langes Straßennetz. In Krisenzeiten wurden Lebensmittel in die entlegenen Dörfer befördert. Der Analphabet Francisco Pizarro, der es in Spanien nur zu einem Schweinehirten brachte, nahm sich vor, das Inka-Reich für Spanien zu erobern. Am 15. November 1532 erreicht er Cajamarca. Wiederum ist es ein Freitag, der jetzt zum Karfreitag der Inka wird. Begleitet von Pater Vicente de Valverde, trifft Pizarro mit dem unbewaffneten Inka-König Atahualpa zusammen. Der Ordensmann, mit Kruzifix in der einen und Bibel in der anderen Hand, befielt Atahualpa, das Kreuz anzubeten. Dem Inka-König sind Kreuz und Bibel natürlich unbekannt und er kann damit nichts anfangen. Dennoch nimmt er das Heilige Buch und hält es an sein Ohr in der Meinung, so die Stimme eines fernen Gottes zu vernehmen. Er hört aber nichts und lässt das Buch auf den Boden fallen. Dies ist in den Augen der Spanier pure Gotteslästerung und der Pater gerät außer sich und schreit hysterisch: „Nieder mit den Ungläubigen!“ 12.000 Inka fanden den Tod. Atahualpa wird gefangen genommen und in einem Schauprozess zum Tod auf dem Scheiterhaufen verurteilt. In dieser Branche haben die Europäer inzwischen reiche Erfahrung gesammelt. Die Katholischen Könige Spaniens hatten ja vor ein paar Jahrzehnten die Erneuerung der Inquisition beschlossen. Unter dem Vorwand, das Christentum vor seinen Feinden zu retten, wurden so politische Gegner als Ketzer verbrannt. Um dem Feuertod zu entgehen, schwört Atahualpa seinem Glauben an den Sonnengott ab und lässt sich taufen. Als Lohn für seine Bekehrung kommt er nicht auf den Scheiterhaufen, sondern wird „nur“ an einen Pfahl angebunden erwürgt. 1533 fällt Cuzco, der „Nabel der Welt“, die Hauptstadt der Inka. Sie geht in Flammen auf. Tempel und Häuser werden dem Erdboden gleich gemacht, die Kunstschätze geraubt, die Tempeljungfrauen geschändet. Die überlebenden Inka wurden versklavt. Der goldgierige Schweinehirt aus Katalonien zertrümmert das Reich der Inka und meint zudem noch, Gott einen wohlgefälligen Dienst erwiesen zu haben.

Bei der Lesung der Passion am Karfreitag heißt es an dieser Stelle: „Hier knien alle nieder und gedenken des Erlösertodes Christi.“ Jesus Christus ist gegenwärtig in jedem gekreuzigten Indianer und jeder verachteten und zerschlagenen Kultur. „Was ihr dem geringsten meiner Brüder und Schwestern tut, das habt ihr mir getan.“

Neunzig Prozent der Urbevölkerung sind der Konquista zum Opfer gefallen.

Für Lateinamerika nahm am 12. Oktober 1492 der Karfreitag des Leidens und Blutes seinen Anfang. Dieses Blut fließt in Strömen bis zum heutigen Tag, ohne, dass ein Ostersonntag in Sicht wäre. Am Weltskandal des größten Genozids und der Zerstörung der Mitwelt ist die Kirche mitschuldig. Es gab in Wirklichkeit nie das, was man beschönigend „Begegnung verschiedener Kulturen“ nennt und sich pompös und triumphalisch zu feiern anschickt. Genausowenig gab es eine „Entdeckung“. Was tatsächlich geschah, war brutalste Invasion und Eroberung. Über diese Realität dürfen kirchliche Dokumente nicht hinwegtäuschen, indem sie auf den „Zeitgeist“ verweisen und brutale Vernichtungskriege zu „Wechselfällen der Geschichte“ auffrisieren, für die letztlich niemand verantwortlich gemacht wird. Es war keine friedliche Begegnung der Kulturen von zwei Welten, ein freundliches Aufeinander-zu-gehen, mit Respekt und Einfühlungsvermögen. Es gab keinen Dialog. In der Tat handelte sich sich um eine sofortige und unmissverständliche Kampfansage an die kulturelle Identität dieser Völker, ein schrecklicher Aufprall und vernichtender Angriff. Von allem Anfang an ging es darum, die Völker zu unterjochen und ihr kulturelles Anderssein zu zermalmen.

Und die Kirche nahm an diesem tragischen und ungleichen Kampf teil und rechtfertigte ihn aus religiösen Gründen.

Die Missionsarbeit war – mit wenigen Ausnahmen – keine Evangelisierung. Da nützt heute keine interpretative Schminke, um die Falten zu glätten, die Mitschuld in ihr Antlitz gruben. Es gibt keinen Grund, die Kirche von Komplizenschaft, Machtanspruch oder diplomatisch verbrämter Nachsicht loszusprechen. Die großen prophetischen Gestalten aus dem Dominikanerorden, Bartolomé de Las Casas, António de Montesinos, Pedro de Córdoba und manche andere, die sich bewusst auf die Seite der unterdrückten Ureinwohner stellten und wohl das einzige Ruhmesblatt der Kirche in der Geschichte der Konquista ausmachen, können nicht darüber hinwegtäuschen, dass die „offizielle“ Kirche bitter versagt hat.

Viele Missionare, die für die Indianer eingetreten sind, wurden verfolgt und zu Ketzern abgestempelt. Viele von ihnen wurden von den Spürhunden der Inquisition gehetzt, die überall herumschnüffelten, aber nie ihr eigenes Gewissen erforschten, sondern immer das der anderen. Viele Geistliche habe die Versklavung der Indianer und Afrikaner nicht nur geduldet, sondern daraus sogar Nutzen gezogen. Beispielsweise waren fast alle Orden in Brasilien bis zur offiziellen Abschaffung der Sklaverei im Jahr 1888 Sklavenbesitzer. Und Rom geht unbeirrt und „kalt wie Schnee im März“ den Weg der Diplomatie, statt den Weg des Evangeliums und der Propheten. Die Kirche ist ethnozentrisch, wähnt sich vollkommen und ist selbstherrlich. Sie maßt sich an, Gott für immer und ewig gepachtet zu haben und einziger Kulturträger zu sein. Die Kirche muss auf niemanden hören, sondern weiß längst alles und kann deshalb Andersdenkende und -fühlende mit dem Bannstrahl im „Namen Gottes“ (Welchen Gottes? Ganz bestimmt nicht des Gottes Jesus Christus!) belegen und auf dem Scheiterhaufen verbrennen lassen. Die Verteufelung des religiösen Empfindens der Indianer war für die Kirche noch unzureichend, durch Psychoterror wurde Druck ausgeübt. „In der Hölle sind alle eure Verstorbenen, eure Vorfahren, alle, die je hier gelebt haben. Auch ihr werdet dort hin kommen wenn ihr euch nicht taufen lasst. Alle Nichtchristen sind Feinde Gottes.“ Die Jesuiten in Brasilien bezeugen: „Aus Furcht sind sie zu allem bereit.“ Das hatte mit christlichem Glauben nichts zu tun, wo Gott Mensch wird, die Menschen liebt und sein Volk in Gnade und Barmherzigkeit heimsucht. Vielmehr wurde Gott nach dem griechisch-philosophischen Schema als „höchstes Wesen“ dargestellt. Die Indios hatten den Eindruck, die Missionare seien Herren über Leben und Tod. Wo blieb der Gott der Zärtlichkeit und des Erbarmens, wo blieb Jesus von Nazareth, der die Armen liebt und sich herabgewürdigter Frauen annimmt, Aussätzige heilt, Lahme gehen und Blinde sehen macht, taube Ohren öffnet, das hungernde Volk speist und Tote erweckt?

Statt den von Jesus geoffenbarten liebenden und barmherzigen Gott (der Liebe) zu verkünden, wurde und wird auf eine Moral der Gebote und Sünden, in ausgesprochen kasuistischem Stil, Wert gelegt, ohne jede Sorge, ohne jedes Einfühlungsvermögen in die Ethik der Indianerkulturen. Was war das für eine Evangelisieren? Korrekt wäre zu sagen: Es gab eine Transplantation des spanischen oder portugiesischen Kirchen- und Glaubensmodells, ohne dass eine Untersuchung über den Grad der Verträglichkeit der eingepflanzten Organe vorangegangen wäre. „Nötige sie, einzutreten!“ Selbst wenn sie dabei draufgehen. Lieber ein toter und getaufter Maya, als ein lebender, der seinem Glauben und seiner Kultur nicht abgeschworen hat. Die Nachkommen dieser an unzähligen Kreuzen verbluteten Völker werden heute schlechter behandelt als die Hebräer im Ägypten der Pharaone und im babylonischen Exil oder die Christen Roms unter Diocletian und Nero. Die Indianer wehrten sich 1992 gegen die Absicht der Kirche, eine 500-Jahr-Feier der Evangelisieren zu begehen: „Wir haben Jahrhunderte gelitten, der Prozess der Auslöschung hat seither nie aufgehört … mit Leiden und Schmerzen haben die Indianer die sogenannte Entdeckung Amerikas bezahlt“, sagte der Indianervertreter Orlando Baré dem Papst am 17. Oktober 1991. Es ist zu verstehen, dass die Indianervertreter enttäuscht ihr Köpfe hängen ließen, als Johannes Paul II. in seiner Ansprache an die Indianer von der „grandiosen Epoche der Missionierung“ zu sprechen begann und diese gegen „die ideologische Verleumdung der Evangelisierung Brasiliens“ verteidigte. Schade, dass der Papst diese Begegnung mit den Indianern nicht genutzt hat, um Abbitte zu leisten, für die Mitschuld der Kirche am Völkermord.

Die Nacht ist noch nicht vorüber: Zwei Drittel der lateinamerikanischen Bevölkerung sind unterernährt und hungern.

Die Großstädte explodieren. Bauern ohne Land und von Großgrundbesitzern vertriebene Landarbeiter ziehen in die Städte, „vegetieren“ dahin, fristen ein elendes Dasein in den Favelas und Randbezirken. Allein in Brasilien gibt es heute (1992 Anm.) 15 Millionen Kinder ohne Heim und Familie, völlig auf sich allein gestellt. Sie belagern Straßen und Plätze. Um die Gesellschaft von diesen „kriminellen Elementen“ zu säubern, veranstalten eigens engagierte Killertrupps regelrechte Hetzjagden auf Straßenkinder. Allein im Jahr 1990 wurden fast 5000 Straßenkinder ermordet. Indianervölker sind nach wie vor in ihrem Überleben bedroht. Die zum Teil positive Gesetzgebung in der Verfassung bleibt toter Buchstabe. Arbeitslosigkeit, Unterbeschäftigung, ungerechte Löhne, chronischer Hunger, fehlende ärztliche Betreuung, Obdachlosigkeit, Analphabetismus, tägliche Erfahrung von Gewalt und Tod, hohe Kindersterblichkeitsrate, skrupellose Ausbeutung der Mitwelt – das sind nur einige weitere Schlagzeilen für diesen Kontinent.

Armut ist kein Schicksal, Armut wird gemacht. Dafür trägt jemand Verantwortung, Armut ist „Tod auf Raten“.

Armut ist physischer Tod infolge von Hunger und Krankheit. Armut ist intellektueller Tod infolge von Analphabetismus und Einschränkung der persönlichen Entfaltung, die eine Beteiligung an gesellschaftlichen Vorgängen unmöglich machen. Armut ist aber auch Folge des programmierten Todes von Rassen, der bewusst eingeleiteten Zertrümmerung von Kulturen, des Aussterben-Lassens von „Muttersprachen“. Armut hat konkrete Gesichter. Elend hat Namen. Rasse, Kultur, Sprache sind nichts Abstraktes, sondern charakterisieren Völker, sind heiliges und behütetes Gut, seit Generationen von Eltern an Kinder weitergegeben. Nichts ist schrecklicher, als die Identität zu verlieren. Das ist Armut in ihrer extremsten Form. Armut ist nicht-sein-dürfen!

Seit 500 Jahren werden Naturprodukte ausgeplündert.

Die Industrieprodukte Lateinamerikas gehören zu den billigsten auf dem Weltmarkt, weil man den Arbeitern in den Fabriken im Vergleich zu den Industrieländern Spott- und Hungerlöhne zahlt. Dieses ungerechte System tritt in eine weitere Phase ein. Technologien der Industriestaaten machen Rohstoffe und Billigarbeiter immer reizloser, multinationale Konzerne ziehen sich nach Jahrzehnte langer Ausbeutung in heimische Gefilde zurück und bedienen sich des Fortschritts. Die Arbeiter Lateinamerikas werden ihrem Schicksal überlassen, wie eine Hure nach schlecht bezahlter Bettnacht. Lateinamerika exportiert nicht nur Rohstoffe, sondern harte Währung zur Tilgung der Auslandsschuld. In den letzten Jahren wurde für Zinsen und Zinseszinsen bereits das Fünffache der erhaltenen Kredite bezahlt. Die Rechnung ist also schon mehrere Male beglichen. Aber es gibt keine Quittung, kein „dankend erhalten“! Lateinamerika soll weiter bluten und wohl bis zum Jüngsten Tag im Hinterhof der Ersten Welt sein Dasein fristen. Abhängig machen, unterdrücken – wie gehabt.

Die Auslandsverschuldung ist der moderne Tribut, den Lateinamerika an die alten und neuen Herren dieser Welt zahlen muss!

Kein Wirtschaftsmanager oder Bankier im jeweiligen „Geberland“ spürt in seiner Luxusvilla die Folgen des weltweit vernetzten Kapitaltransfers. Viele Kreditvereinbarungen zwingen die finanziell ohnehin schon erschöpften Nationen in ein soziales Abseits. Politiker und Wirtschaftsexperten in den nördlichen Industrieländern machen es sich allzu leicht, wenn sie Lateinamerika die Schuld für Armut und Elend zuschieben und jahrelange „Misswirtschaft“ und „Fehlplanung“ in den „Entwicklungsländern“ dafür verantwortlich machen. Dem Kapitaltransfer vom Süden in den Norden zur Tilgung einer „Schuld“, die längst bezahlt ist, entspricht also ein Schuld- und Verantwortungstransfer von Seiten des Nordens an den Süden! „Ach, diese faulen Südländer. Sie selbst tragen die Schuld für die desolate Wirtschaftslage.“ Mit solchen Kommentaren reagieren oft Europäer und Nordamerikaner, Genauso wie die Brutalität der Konquista ist heute die ungerechtfertigte und bewusst aufrecht erhaltene Auslandsverschuldung ein Weltskandal. Nichts wird sich ändern, solange präpotente Industrienationen andere Länder in demütiger Abhängigkeit halten.

„Mit Kreuz und Schwert“ wurde zum geflügelten Wort, um die Invasion der Europäer in den Lebens- und Kulturraum der Ureinwohner zu beschreiben. Allerdings wurde nicht das Schwert eingesetzt, nein. Die Azteken, Maya und Inka und alle anderen Völker wurden mit Feuerwaffen niedergestreckt. Das Schießpulver war in Europa längst bekannt und deshalb waren die Europäer den Indianern von vornherein überlegen, die – wenn überhaupt – nur mit Pfeil- und Bogen bewaffnet waren. Heute floriert das Waffengeschäft. Waffen müssen verkauft werden, hier bieten sich die Dritt-Welt-Länder als vielversprechende Absatzmärkte an. Dass vor allem die Industrienationen daraus Vorteile ziehen, liegt auf der Hand. Die größten Kreditgeber (USA, Japan, Kanada, Deutschland und Schweden) wollen zukünftig Entwicklungshilfe nur unter bestimmten Bedingungen vergeben. Kredite und Umschuldungen sollen von Einsparungen im Rüstungsbudget abhängig gemacht werden. So ernten Geberländer Applaus der Staatsbürger. In einer So-tun-als-ob-Politik ist es immer wichtig, wenigstens den Schein zu wahren, wenn auch Schein und Sein auseinanderklaffen. Das große Geschäft ist aber nach wie vor die Waffenproduktion der Geberländer. Außer Agrarerzeugnissen wird kein anderes Gut so hoch subventioniert. Die Finanzmittel für „Entwicklungshilfe“ sind dagegen lächerliche Beträge. Kurz: Die nördlichen Industriestaaten fordern die Abrüstung und bestimmen Kriterien für finanzielle Unterstützung an diese Länder. Selbst aber lassen sie nicht davon ab, ihr weltweit einsetzbares Militärpotential aufrecht zu erhalten. Nach außen, zur Information des biederen Bürgers, das Plädoyer gegen das Totschießgeschäft. Unter dem Tisch werden die Karten aber ausgetauscht. Letztlich sind dieselben Regierungen die Hauptverantwortlichen nicht nur für den Ausbau schneller Eingreiftruppen – aus eigenen strategischen Erwägungen -, sondern auch für den kontinuierlichen Ausbau und die Vervollkommnung des Waffenarsenals von Dritt-Welt-Ländern, der durch die vielfältige Exportförderung noch verstärkt wird. Pharisäertum, pure Heuchelei! Das Wort Jesu ist nach wie vor aktuell: „Weh Euch, ihr Schriftgelehrten und Pharisäer, ihr Heuchler! Ihr seid wie die Gräber, die außen weiß angestrichen sind und schön aussehen, innen aber sind sie voll Schmutz und Verwesung.“

Die christliche Botschaft leben und zeugnishaft verkünden!

Als Papst Johannes Paul II. Peru besuchte, erhielt er einen für ihn und die Katholische Kirche sehr peinlichen Offenen Brief, der von mehreren Indianerorganisationen unterschrieben war. Darin stand: „Wir, Indianer aus den Anden und von Amerika, haben beschlossen, den Besuch des Papstes zu nützen, um ihm seine Bibel zurückzuerstatten, denn in fünf Jahrhunderten hat sie uns weder Liebe, noch Frieden, noch Gerechtigkeit gebracht.“ Diese zweifellos harten Worte sind für die Kirche eine Herausforderung und verlangen eine Antwort. Im Grunde geht es nicht um ein Zurückgeben, sondern um die den Indianervölkern nie ermöglichte Aneignung der Bibel in ihrer eigenen Kultur. Nicht die Botschaft der Bibel ist das Problem, sondern die Art und Weise, wie sie interpretiert wurde und heute noch teilweise ausgelegt und verkündet wird. Nicht das Evangelium erregte Anstoß, sondern das Gewand, in dem es vorgestellt wurde. Vielleicht haben gerade die Indianer die missionarische Aufgabe, die Kirche endlich vom kolonialistischen Gehabe zu befreien, sie „katholisch“ zu machen, damit sie wieder glaubwürdig wird und Hoffnung ausstrahlen kann. Letztendlich geht es doch darum, die christliche Botschaft zu leben und zeugnishaft zu verkünden. Medellin und Puebla inspirierten die lateinamerikanischen Kirchen, alle Komplizenschaft mit den kolonialen und neokolonialen Mächten abzulegen und zu Kirchen der Armen und Unterdrückten zu werden. Ein neues Pfingsten ereignete sich. Die befreiende Dimension des Glaubens kam zum Tragen. Der Prozess der Inkulturation des Evangeliums begann dort, wo die Kirchen die Option für die Armen ernst nahmen und sie nicht spiritualisiert haben. Eine neue Weise Kirche zu sein, wurde durch den Geist Gottes aus dem Glauben des Volkes geboren. Eine neue, ganz spezifische Gegenwart der christlichen Botschaft inmitten des armen Volkes inspiriert die Pastoralpläne der Ortskirchen. Armut wird nicht mehr als schicksalsbedingte und deshalb unvermeidbare Situation angesehen, sondern ihre Ursachen werden beim Namen genannt. Nationale und internationale Zusammenhänge und Vernetzungen werden aufgedeckt. Eine Kirche entsteht, die auf dem Dialog zwischen Glauben und Leben, zwischen Evangelium und Gerechtigkeit gründet. Diese neue Weise Kirche zu sein verlangt auch von den Hirten eine neue Weise Hirte zu sein. Das hohe-priesterliche, höfische Zeremoniell mit Ranglisten, Empfangs- und Bekleidungsvorschriften, das im Laufe der Jahrhunderte entwickelt und ausgebaut wurde, hatte eine immer tiefer werdende Kluft zwischen Hirte und Herde zur Folge. Der Bischof war nicht Bruder, sondern „Seine Exzellenz“, „Euer Gnaden“ oder „Hochwürdigster Herr“. Was hat das mit Evangelium zu tun? Das Evangelium wollte nie dieses pompöse, ach so triumphalische Gehabe. Das Evangelium soll uns endlich wieder Maßstab sein und nicht vom Menschen geschaffene Gesetzesbestimmungen und Verhaltensnormen. Gehen wir zurück „zu den Quellen jedes christlichen Lebens und zum Ursprungsgeist“ des Evangeliums.

Zurück zur Liebe, zum Leben – und die Nacht wird vorüber sein!

In der Kirche Lateinamerikas verzichten bereits viele Ordensleute, Priester und Bischöfe auf Privilegien und wechseln den Standort. Sie gehen zu den Armen und werden zu Anwälten des leidenden Volkes. Sehr zum Ärgernis der herrschenden Oberschicht, die es seit Jahrhunderten gewohnt ist, von der Kirche jede Rückendeckung und Unterstützung zu erhalten. Jetzt werden endlich Politiker, Großgrundbesitzer und Militärs von Amtsträgern der Kirche für die Gewalttaten verantwortlich gemacht, denen immer mehr Arme, Indios, Schwarze, Frauen und Kinder zum Opfer fallen. Bischöfe ziehen aus ihren Palästen an den Stadtrand, Ordensgemeinschaften verlassen die Nobelbezirke und beziehen einfache Hütten der Favelas, in Slums oder Indianerdörfern. Mit den dort lebenden Menschen teilen sie Not und Elend und erfahren plötzlich Verfolgung und Ungerechtigkeit am eigenen Leib. Ganz konkret lernen sie, was es heißt, gedemütigt, getreten, ausgeschlossen, verabscheut zu werden, überflüssig zu sein. Ihre Treue zum Evangelium wird jenen, die Verantwortung für Ungerechtigkeit und Unterdrückung tragen, eine nicht mehr zu überhörende Anklage.

Ich bin überzeugt, dass die Basisgemeinden und Hirten Lateinamerikas, ob diese Hirten nun Laien, Frauen und Männer, Ordensangehörige, Priester oder Bischöfe sind, die historische Aufgabe haben, die Kirche zu ihren Ursprüngen zurückzuführen. Sie soll eine samaritanische Kirche sein, in der Menschen und Völker sich gegenseitig helfen, aufeinander Rücksicht nehmen. Ganze Völker liegen am Wegrand, geschunden, misshandelt, zertreten wie Mistkäfer. Wenn die Kirche dazu schweigt oder daran vorbeigeht, hat sie das Anliegen Jesu nicht verstanden. Wenn sie nicht vom hohen Ross herabsteigt und Öl und Wein in die Wunden gießt, geht sie genau denselben Weg wie der Priester und Levit im Gleichnis Jesu. Sie wird wieder mitschuldig am Tode von Menschen und an der Ausrottung von Völkern. Die Kirche darf nie mehr aus diplomatischen Gründen schweigen. Damit tut sie genau das, was ein brasilianisches Sprichwort so ausdrückt: „Gleichzeitig Gott und dem Teufel eine Kerze anzünden.“

Jesus gründete eine Kirche von Schwestern und Brüdern, denen er den Auftrag erteilte: „Liebet einander wie ich euch geliebt habe.“ Und er fügt gleich hinzu, um ja keine Zweifel über das Ausmaß und die Tragweite der Liebe zu hinterlassen: „Es gibt keine größere Liebe, als wenn jemand sein Leben für seine Freunde hingibt.“ Für die Kirche ist der Weg zur „Neuen Welt“ ein Schritt zurück – zurück zum Evangelium! Die Evangelisieren wird nur dann wirklich neu sein, wenn alte festgefahrene Strukturen, die überholt sind und dem Traum Jesu widersprechen, abgebaut werden. Die Kirche muss menschlicher, christlicher werden, so wie sie es in den Basisgemeinden Lateinamerikas geworden ist. Das Evangelium predigen heißt doch nicht, ein „depositum fidei“ als fest verschnürtes abendländisches Glaubenspaket Menschen in anderen Kulturen aufzuzwingen. Das Evangelium predigen heißt ebenfalls nicht, ohrenbetäubend die alte Moralpauke zu wirbeln, die jede Melodie und Harmonie erschlägt.

Das Evangelium predigen heißt, angesichts unzähliger Kreuze am leidvollen Weg Lateinamerikas, der nun schon mehr als 500 Jahre dauert, die Auferstehung Christi zu verkünden, das „letzte herrliche Ja Gottes zum neuen Menschen“, das Ja Gottes zum Leben. Dann wird endlich die Sonne des Ostermorgens durch die schweren Wolken einer grausamen Geschichte brechen. Und die Nacht wird vorüber sein.

„Gott ist Liebe, Liebe ist Gott!“

„Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!“

„Erkenne Gott in dir und deinem Nächsten!“

Verena Daum (Garden Eden Organisation) mit indigenen und afrokolumbianischen Kindern am Rio Atrato im Chocó in Kolumbien, Klimabündnis Vorarlberg-Chocó, www.progression.at

Verena Daum (Garden Eden Organisation) mit indigenen und afrokolumbianischen Kindern am Rio Atrato im Chocó in Kolumbien, Klimabündnis Vorarlberg-Chocó, www.progression.at

Verena Daum (Garden Eden Organisation), Alt-Bischof Erwin Kräutler, Books: „Dom Erwin“, „Rot wie Blut die Blumen“, www.progression.at

Seit Jahrhunderten bis heute werden indigene Ureinwohner auf dem amerikanischen Kontinent enteignet, in Armut und Elend getrieben, beraubt, ausgegrenzt, misshandelt – „500 Jahre Lateinamerika – die Nacht ist noch nicht vorüber“ von Dom Erwin Kräutler; Verena Daum www.progression.at