Bei gutem Willen ist es gar keine Hexerei, aus Stadtgebiet Erholungsraum für alle Lebewesen zu schaffen. In ihrem Film „Heißes Pflaster Stadt – Warum wir mehr Pflanzen brauchen“ zeigen Claudia Giczy-Hefner und Peter Giczy wie die Städte widerstandsfähig gegen den Klimawandel und lebenswert für ihre Bewohner werden. Sie dokumentieren Strategien in Metropolen, die trotz Zuzug nicht über Stadtgrenzen hinaus, sondern in die Höhe wachsen – genau wie die vertikalen und oft essbaren Waldgärten auf neu geschaffenen Grünflächen. Der urbane Dschungel wird zur Low-Tech-Lösung des Klimaproblems. Pflanzen kühlen die heißen Städte, temperieren die Gebäude, sie reinigen die verschmutzte Stadtluft und binden das Wasser nach Regenfällen.

Von Verena Daum, www.progression.at (der Artikel ist am 17.9.21 in der Extra-Ausgabe „Wertvoll – Öko-Initiativen …“ der „Vorarlberger Nachrichten“ erschienen)

2050 werden zwei Drittel derWeltbevölkerung in Städten leben. Die Evolutionsgeschichte der Menschheit spielt sich in der Natur ab. Die Megacities wachsen rasant und unsere Biologie ist nicht auf Stahl und Beton, Luft-, Wasser und Umweltverschmutzung eingestellt. In der Doku betont die Evolutionsbiologin Elisabeth Oberzaucher: „Es gibt kein Argument dagegen, Städte nicht vollkommen grün zu gestalten.“ Einschlägigen Studien zufolge hat allein der Ausblick ins Grüne – in die Natur – positive Effekte auf den Menschen, auf seine körperliche sowie psychische Gesundheit. Weitere Studien belegen die positive Wirkung von Gebäudegrün im Arbeitsalltag. Selbst ein kurzer Blick vom Bildschirm auf ein nahe liegendes Gründach erleichtert Menschen das Fokussieren und verbessert die Konzentration gegenüber Mitarbeitern mit Blick auf ein graues Häusermeer aus Stein und Beton.

Grünste Städte der Welt

Singapur ist die grünste Stadt Asiens. Bereits seit den 70ern strebt die Regierung der Metropole an, aus Singapur eine „garden city“ entstehen zu lassen, üppiges Grün soll die Luft säubern und das Leben der Einwohner angenehmer machen. Die Nachhaltigkeitsstrategie und das Wassermanagement Singapurs hat eine starke Vorbildfunktion für den Rest der Welt. Planungsgrundsatz: „Die Stadt im Garten“. Ein Garten zum Klimaschutz und um Gemeinschaft in der Stadt zu erzeugen. Die Planer bringen begrünte, öffentliche Flächen ins Innere der Gebäude und erzeugen eine Klima-Grün-Mensch-Dynamik, die Mega-Gebäude lebenswert macht. Einzelne Hochhaustürme werden durch begrünte Brücken verbunden und dadurch zu kühlen Erholungsflächen in luftiger Höhe. Die Kosten für solch aufwendige Konstruktionen übernimmt die Regierung. Durch die sogenannten „Skyparks“ oder auch „Himmelsgärten“ haben die Bewohner kurz erreichbare Grünflächen im direkten Wohnumfeld.

Lebenswerte Stadt Wien

Der Dokumentarfilm zeigt: Die Wiener Altstadt zählt in ihrer Geschlossenheit zu den schönsten Stadtdenkmälern Europas und ist UNESCO-Weltkulturerbe. Gerade im dicht bebauten Stadtgebiet stellt die Begrünung von Dachflächen oft die einzige Möglichkeit dar, zusätzliche Grünflächen zu schaffen. In Wien sind ca. 850 Hektar Dachflächen als Flachdach ausgebaut. Damit sind 20 Prozent aller Dächer Wiens gut zur Begrünung geeignet. In den letzten Jahren stieg der Anteil der Dachbegrünungen bereits kontinuierlich an, vor allem am Stadtrand von Wien werden neue Wohnhäuser mit begrünten Flachdächern gebaut. Wie Pflanzen als natürliche Klimaanlage das Stadtklima kühlen, zeigt eine Studie der Wiener Umweltschutzabteilung. Der Kühleffekt einer 850 Quadratmeter großen, begrünten Fassade entspricht der Kühlleistung von 75 Klimageräten mit je 3000 Watt Leistung über acht Stunden Betriebsdauer hinweg. Werden alle Fassaden eines Straßenzuges begrünt, empfinden Passanten das als eine Abkühlung um 14 Grad Celsius.

Zukunftsfitte Bauvorschrift

Neu zu denken und umzudenken fällt vielen leider noch immer schwer, wenn sie an Satteldächern, Einfamilienhäusern und Bodenversiegelung „aus Gewohnheit“ festhalten. Die Zeiten, sich vor Hochhäusern und Flachdächern zu fürchten, sind längst vorbei. Holzhochhäuser sind u.a. auch eine Innovation aus Vorarlberg mit dem Beispiel Life Cycle Tower in Dornbirn. Mit modernen Materialien und funktionsoptimierten Dachaufbauten schlagen Flachdächer dank vielfachen Mehrwerteffekten das klassisch konservative „Normaldach“ mittlerweile um Längen. Wachsende Megacitys in Symbiose mit Natur ergeben Lebensqualität für uns alle.

Infos:

umweltbewusst-bauen.de/heissespflaster-stadt-warum-wir-mehr-pflanzen-brauchen/

www1.wdr.de/mediathek/video-megacities-lebensraum-der-zukunft-100.html

www.stefanoboeriarchitetti.net/project/bosco-verticale/#wp-video-lightbox/-1/

www.viennasightseeing.at/de_DE/explore-vienna/strauss-blaue-donau

gruenstattgrau.at/datenbank/?type=projekt&bp=1&intro=1&nosearch=1&entries=36