„Der Optimismus des Willens“ ist Jean Zieglers Filmdoku, die ihn zu seinen Wurzeln führte. ARTE kündigte das Werk an wie folgt: „Genf, 1964: Der junge Jean Ziegler verspricht Che Guevara, gegen das ,kapitalistische Monstrum‘ zu kämpfen. Seither kennt der streitbare Globalisierungskritiker keine Ruhe. Unermüdlich prangert er als Autor, Soziologe und Experte im Beratenden Ausschuss des UNO-Menschenrechtsrats die Macht der Finanzmanager an und geißelt deren Verantwortung für den Hunger in der Welt.“ Mein Kollege und Freund, Jean Ziegler, erläutert in seinen Veröffentlichungen schlüssig die verheerenden Machenschaften einer Finanzoligarchie – „eine Handvoll Leute, die in einem Bus Platz hat, und die eine kannibalische Weltordnung errichtete“ – und zitiert Gandhi: „Die Welt hat genug für jedermanns Bedürfnisse, aber nicht genug für jedermanns Gier“ oder Immanuel Kant: „Die Unmenschlichkeit, die einem anderen angetan wird, zerstört die Menschlichkeit in mir.“

Von Verena Daum (Autorin/Journalistin, freie Fachredakteurin für ökologisch-soziale Wirtschaftsthemen in den Vorarlberger Nachrichten, www.progression.at, www.garden-eden.org, Bücher „Dom Erwin“, „Verantwortungslos“, „Verbotene Frucht“)

Jean Ziegler kommt in Thun zur Welt, einer Kleinstadt in der Deutschschweiz. Nach Abschluss der Schule führt ihn sein Wissensdrang nach Paris, leitet ARTE die Doku-Ankündigung ein. Er verkehrt mit Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir und wird in der Zeitschrift „Les Temps Modernes“ veröffentlicht. Mit einem Doktortitel in Rechtswissenschaften und Soziologie wird Jean Ziegler von den Vereinten Nationen engagiert. Er reist in den Kongo, der unter der Führung von Patrice Lumumba gerade seine Unabhängigkeit errungen hat. Dort schreibt er sein erstes Buch, „Sociologie de la nouvelle Afrique“. Im Kongo wird Jean Ziegler Zeuge der extremen Grausamkeit der von Mobutu angeführten und von den USA unterstützen Konterrevolution. In den folgenden Jahren unterstützt Jean Ziegler zahlreiche Befreiungsbewegungen in Lateinamerika und in Afrika. 1964 begegnet er bei einer Konferenz in Genf Che Guevara. Begeistert will er mit dem Revolutionär nach Kuba aufbrechen. Doch Guevara möchte, dass Ziegler in der Schweiz und Europa bleibt, um gegen „den Kopf des kapitalistischen Monsters“ zu kämpfen. Seither kennt Ziegler als Schriftsteller, Professor für Soziologie, Experte im Beratenden Ausschuss des UNO-Menschenrechtsrats und Mitarbeiter von Kofi Annan keine Ruhe, um in Büchern und Vorträgen die Ungerechtigkeiten zu geißeln, die Macht der kapitalistischen Oligarchien und deren Verantwortung für den Hunger in der Welt. Sein Engagement ist ungebrochen. Doch als er, begleitet von seiner Frau Erica, schließlich selbst nach Kuba reist, begegnet er einer Insel im Wandel und sieht plötzlich seine revolutionären Ideen infrage gestellt. Der Filmemacher Nicolas Wadimoff, ein ehemaliger Student von Ziegler, nähert sich dem umstrittenen Schweizer Soziologen und Weltbestsellerautor mit kritischer Empathie. Er geht mit Ziegler dahin, wohin dieser sonst nur alleine geht: zu seinen Zweifeln und Widersprüchen und zu seiner tief sitzenden Hoffnung, dass eine andere Welt möglich ist.

Weltdiktatur der Konzerne, der Finanzoligarchie, brechen!

„Nach der Weltbank-Statistik von 2018 kontrollieren die 500 größten transkontinentalen Privatkonzerne – alle Sparten zusammen – 52,8% des Weltbruttosozialproduktes. Diese 500 Konzerne haben eine ideologische, militärische, technologische, wissenschaftliche, politische Macht, die nie ein Kaiser, ein König oder ein Papst innehatte auf diesem Planeten. Sie entschwinden jeglicher sozialer, parlamentarischer, gewerkschaftlicher Kontrolle. Ich war acht Jahre lang Sonderberichterstatter der UNO für das Recht auf Nahrung und jetzt bin ich Vizepräsident des beratenden Ausschusses des Menschenrechtsrates. Ich habe erlebt, wie Konzerne direkt ihre Befehle durchgeben, auch an Staatschefs. Wir haben eine Weltdiktatur der Konzerne. Sie beherrschen den wissenschaftlichen, technologischen, elektronischen Fortschritt. Sie funktionieren nach einem einzigen Prinzip, dem der Profitmaximierung in möglichst kurzer Zeit zu jedem menschlichen Preis. Diese kannibalische Weltordnung müssen wir brechen, bevor sie uns und den Planeten total zerstört“, warnt Ziegler unermüdlich. „Die Hoffnung sind die jungen Leute, eine aufgeklärte und mutige, aktive, planetarische Zivilgesellschaft, die Empathie, Mitgefühl, Achtsamkeit, Respekt vor und Einklang mit Naturkreisläufen sowie eine gerechte, faire und ökologisch-soziale Weltwirtschaft fordert und beispielgebend vorangeht.“ Die Lösungen sind bekannt und einfach umsetzbar. Man muss es nur tun. Ziegler via Kontrast.at: „Ich glaube, dass die repräsentative Demokratie am Ende ist. Dass ich alle vier Jahre meine Stimme einem anderen gebe und vier Jahre lang redet der für mich. Ich gebe einen Teil meiner Freiheit ab, kriege sie aber als Sicherheit durch Gesetze zurück. Dieses System ist heute am Ende.“ Jean Ziegler erinnert an Che Guevaras Worte: „Auch die stärksten Mauern fallen durch Risse!“ Soll heißen, dass die planetarische Zivilgesellschaft mit inzwischen vielen tausend sozialen Bewegungen an vielen Fronten gegen das kapitalistische Unterdrückungssystem kämpfen und zitiert Emmanuel Kant: „Die Unmenschlichkeit, die einem anderen angetan wird, zerstört die Menschlichkeit in mir.“ Ziegler betont: „Dieses Identitätsbewusstsein ist dem Menschen konstitutiv; es ist jetzt aber durch die Entfremdung und den Triumph des Marktes zubetoniert. Wenn ein Hund sieht, wie ein Hund geschlagen wird, passiert nichts. Wenn ein Mensch, aus welcher philosophischen, ethnischen, politischen Tradition auch immer, ein Kind sieht, das gepeinigt wird, bricht in ihm etwas zusammen. Der Mensch ist das einzige Lebewesen auf dem Planeten, das sich automatisch im anderen erkennt. Dieses Identitätsbewusstsein ist der Motor der Zivilgesellschaft, und die wird jeden Tag stärker. Sichtbar ist sie ein Mal im Jahr beim Weltsozialforum. Letztes Jahr in Montreal waren wir über 8.000: Amnesty International gegen Folter, Greenpeace zur Rettung dessen, was an Biodiversität und Natur noch zu retten ist, Attac gegen das Spekulationskapital, Via Campesina, das sind 121 Millionen Kleinbauern, Pächter, Taglöhner zwischen Honduras und Indonesien, die Frauenbewegung gegen die himmelschreiende Diskriminierung der Frauen in der Industriegesellschaft usw.“

Quellen:

https://youtu.be/FsaIJ3IPn8M

https://info.arte.tv/de/jean-ziegler-der-optimismus-des-willens

https://kontrast.at/jean-ziegler-kapitalismus-neues-buch/