Washington/Brüssel/Wien/Bregenz – Burka-Halluzinationen: Viele Menschen in den USA und in Europa haben wieder etwas gemein: Für sie ist Bekleidung muslimischer Frauen ein Riesenproblem: Unter Strafe verbieten, zähneknirschend dulden, oder sich etwas wichtigeren Fragen zuwenden, ist hier die Frage.

Von Peter W. Schroeder, Washington

Dazu quantifizieren wir zuerst die mit Verbot bedrohte Burka- und Burkini-Sache: Ziemlich gesichert sind 99,9 Prozent aller Amerikaner und Europäer noch keiner einzigen Trägerin von Burka oder Burkini begegnet. Da sich Umfragen zufolge hüben wie drüben mehr als 40 Prozent durch die Augenscheinbegegnung mit Burkas und Burkinis “belästigt” oder “verunsichert” fühlen, sind Halluzinationen offensichtlich weit verbreitet.

Aber vielleicht bringen die Belästigten und eine Unterdrückung der muslimischen Frauen Beklagenden auch etwas durcheinander: “Schakal”, “Hijab”, “al-Amira”, “Chimäre” und “Tschador” sind “typisch muslimische“ Frauenkleidung oder Teile davon, bei denen das Gesicht frei bleibt. Beim “Burkini”, dem Badekleid einiger muslimischer Frauen, bleiben Gesicht, Hände und Füße frei. Bei der “Nikab” gibt es lediglich einen Sehschlitz, und bei der “Burka” ist der auch noch “vergittert”.

Absurde Aufregung um Burka als Integrationshemmnis

In Deutschland schätzen Islam-Experten die Zahl der in der Öffentlichkeit auftauchenden Trägerinnen von Nikabs und Burkas auf etwa 700 und in Österreich auf unter 100. In den USA sollen es “weniger als 2.000” sein. Und dafür die ganze Aufregung um “Integrationshemmnisse” und “Störung der öffentlichen Ordnung”? Dahinter steckt vielleicht eine “das Kopftuch muss weg”-Islamophobie. Aber das steht auf einem anderen Blatt.

Und so richtig koscher ist die ganze Aufregung auch nicht. Also bei Yarmulke alles paletti, aber Kopftuch geht nicht? Und Kreuzchen an der Halskette, aber Halbmond igitt? Merke: Fesche Maiden im Dirndl mit oben rausstellenden Sachen sind im vatikanischen Petersdom und im muslimischen Arabien auch nicht der letzte Schrei. Und die in den USA „Banana Boats“ genannten knappen Dreieckshosen männlicher Badefreunde sind nicht jeder Frau Augenweide.

Neo-Rassenhygieniker

Im Übrigen gibt es mitten unter uns auch Gruppen – und deren Mitglieder sind sehr viel zahlreicher – vor denen wir uns im Angesicht von deren Bekleidung und Auftreten wirklich fürchten sollten. Beispielsweise „Ausländer raus“ grölende kopfrasierte Hirnlose in Springerstiefeln. Denn angeblich verängstigte Bekleidungskritiker – in den USA mit ihrem Lautsprecher Donald Trump genau so wie die Rechtsextremen zulaufenden Europäer – begeben sich damit in die geistige Gesellschaft der neuen Rassenhygieniker. Notwendige Nachbemerkung: Etwas mehr Nachdenken bitte. Oder ist das zuviel verlangt?

Der Kommentar ist am 22. August 2016 in den Vorarlberger Nachrichten erschienen.