Mit seinem Artikel „Dunkle Erleuchtung. Um neue Menschheitsverbrechen zu verhindern, müssen wir verstehen, was Hitler antrieb und die Menschen an ihm faszinierte.“ versucht Roland Rottenfußer, den Menschen Hitler begreiflich zu machen: Müssen wir Hitler nicht sogar verstehen, um zu verhindern, dass Ähnliches wie in den Jahren seiner Herrschaft wieder geschehen kann? Die Neuveröffentlichung „Hitler. Die wenig bekannten Fakten“ von Claus Hant geht über das Verstehen von Hitler hinaus: Das Buch gibt Aufschlüsse darüber, wie Hitler sich selbst verstanden hat.

Von Roland Rottenfußer (18.2.2021, Rubikon.news)

Der „Niemand“, der, wie Psychiater das ausdrücken würden, ein schweres Psychotrauma erfahren hatte, sich selbst aber für „erwacht“ hielt, musste auf Resonanz stoßen. Nur dann konnte er entdeckt werden. Claus Hant beschreibt, wie Hitler kurze Zeit nach seinem „Erwachen“ auf eine Gruppe spiritueller Verschwörer traf. Das klingt nach einer Horror-Fantasy-Story. Ist es aber nicht. In der Münchner „Thule Gesellschaft“ hatten sich nicht unvermögende Esoteriker in einer Geheimloge zusammengeschlossen. Dass die Hitler-Bewegung in diesem Umfeld ihren Anfang nahm, ist der Geschichtsforschung ist seit langem bekannt.

Wie sich die Verbindung zwischen den Verschwörern von Thule und Hitler entwickelt hat, wird von Claus Hant basierend auf den Belegen der Forschung minutiös rekonstruiert. Der Bericht, wie der „Niemand“ durch die Thule-Verschwörer einen mächtigen Resonanzkörper erhielt und dadurch urplötzlich zu einem „Jemand“ wurde, ist höchst spannend zu lesen. Die Entwicklung lässt einen auch heute noch schaudern. „Unbegreiflich“ ist Hitler vor diesem Hintergrund aber nicht mehr.

„Höherzüchtung des Lebens“

Man darf sich nicht täuschen. Vieles, was Hitler umtrieb, war in der gesamten westlichen Welt, nicht nur im damaligen Deutschland und Österreich, weit verbreitet und allgemein akzeptiert. Gerade was die Themen „Eugenik“ und biologische „Höherzüchtung“ anbelangt. Diese Ideen dürften seine damaligen Ansprechpartner nicht befremdet haben, sie werden vielmehr auf fruchtbaren Boden gefallen sein. Dies kann uns Nachgeborene dazu motivieren, auch in unserer Epoche Zeitgeistphänomene darauf abzuklopfen, ob sich bei ihnen Anknüpfungspunkte für monströse Ausbrüche von Unmenschlichkeit zeigen.

Nur weil Nazizeit und Gegenwart noch nicht voll zur Deckung gekommen sind, sollten wir nicht damit aufhören, die Schnittmengen aufzuspüren — es ist erschreckend genug, wie groß sie teilweise schon sind.

Die xenophobe Furcht vor „Vermischung“ zum Beispiel erinnert fatal an die von der Eugenik diktierten Gebote von damals. Auch bei der im Neoliberalismus vorherrschenden Ethik der Durchsetzung des ökonomisch Leistungsfähigeren scheint ein entferntes Echo Hitlers hörbar zu sein. Ebenso bedenklich: die „transhumanistische“ Vision einer Überwindung des gewöhnlichen Menschen durch bewusste Steuerung und Beschleunigung seiner Evolution mit Hilfe von Chips, Nanobots, Cyber-Implantaten und ähnlichem. Das Ideal der Menschheitsverbesserung hat, wie wir wissen, auch Hitler angetrieben.

Wir dürfen vermuten, dass neue gefährliche Massenverführer nicht mit Hakenkreuzfahnen auftreten und auch nicht unbedingt die Juden zu ihren Gegnern wählen werden. Es muss auch nicht notwendig ein Polterer wie Donald Trump oder ein Provokateur in der Art von Björn Höcke kommen — obwohl auch dies natürlich möglich ist. Vielleicht erhebt sich ein neuer Faschismus auch unversehens und schleichend aus der „Normalität“.

Hant weiter:

„Es gibt keinerlei Garantie dafür, dass sich die Katastrophe von damals nicht unter anderen — modernen — Vorzeichen wiederholt, so sehr man auch die Einmaligkeit der damaligen Geschehnisse beschwören mag. Ein moderner Rattenfänger oder eine Rattenfängerin wird moderne Ideale verkünden — Ideale, die unserem heutigen Zeitgeist entsprechen. Das ist die notwendige Voraussetzung dafür, dass sie bei den Massen Gehör findet. Der Zeitgeist von heute ist zwar ein völlig anderer als nach dem Ersten Weltkrieg. Aber die Mechanismen, die derartige Gefahren Wirklichkeit werden lassen, sind heute dieselben wie damals. Daher macht der unverstellte Blick in die Vergangenheit Sinn.“

Gefährliche „Glaubensgewissheit“

Zu beachten ist dabei insbesondere die Rolle der Spiritualität, dort wo sie sich in destruktiver Form zeigt. Von extremen evangelikalen Bewegungen über den islamischen Fundamentalismus bis hin zur „Mode-Bewegung“ QAnon: Irrationalismus boomt — sicher auch als Gegenreaktion auf den als beengend empfundenen Materialismus des von Wissenschaft und Neoliberalismus geprägten Paradigmas. Auf der Welle eines Zeitgeists, der zunehmend in Richtung Unmenschlichkeit abdriftet, kann der nächste Weltenerlöser höchst komfortabel angesurft kommen.

Das Beispiel Hitlers zeigt, dass man niemals einem Menschen vertrauen sollte, der mit „unerschütterlicher Glaubensgewissheit“ auftritt. Gerade wenn sich jemand „im Auftrag des Herrn“ wähnt, sollten wir Vorsicht walten lassen. Adolf Hitler zeichnete sich auch durch ein hohes Maß an „Selbstidentität“ aus. Überzeugung und Handeln kamen bei ihm zur Deckung. Und er war alles andere als ein Atheist — vielmehr spannte er den „Herrn“, den er in erstaunlich vielen Reden beschwor, vor seinen Karren, den er dann nach und nach in den Dreck fuhr.

Bestimmte „Tendenzen, die in unserer heutigen gesellschaftlichen Realität schlummern“, so Claus Hant, „könnten in unserer vernetzten Welt eine moderne Erlöserfigur in hochgradig potenzierter Form lebendig werden lassen. Das könnte selbst die schlimmsten Alpträume heutiger Zukunfts-Warner weit übertreffen. Eine gruselige Vorstellung. Um derartigen Entwicklungen entgegenzuwirken, bedarf es der Wachheit von jedem Einzelnen — gerade auch den Geschehnissen der Vergangenheit gegenüber.“

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Roland Rottenfußer, Jahrgang 1963, war nach dem Germanistikstudium als Buchlektor und Journalist für verschiedene Verlage tätig. Von 2001 bis 2005 Redakteur beim spirituellen Magazin connection, später für den „Zeitpunkt“. Aktuell arbeitet er als Lektor, Buch-Werbetexter und Autorenscout für den Goldmann Verlag. Seit 2006 ist er Chefredakteur von Hinter den Schlagzeilen.