Zum Jahreswechsel 2005/2006 hat mich Dom Erwin Kräutler auf seinem Boot auf dem Xingu mit zu „seinen Menschen“ genommen. Nach Mordanschlägen auf ihn stand er damals bereits unter Polizeischutz. Er kämpft sein ganzes Leben lang gegen die Zerstörung nicht nur der Lebensgrundlage der Indios, sondern auch der unseren. Wir haben nur diesen einen Planeten. Die Indios auf dem amerikanischen Kontinent waren von jeher mit der Natur im Einklang und spirituell mit ihr verbunden. Alt-Bischof Erwin Kräutler vom Xingu ist Befreiungstheologe und Vertreter jener „armen Kirche“ oder „Kirche der Armen“, wie sie sich Papst Franziskus wünscht. In seinem Buch „Mein Leben für Amazonien“ blickt er zurück und auch in die Zukunft.

Von Verena Daum (www.progression.at, www.garden-eden.org)

Als wieder einmal die Motorsägen aufheulten, sagte Dom Erwin mir als Journalistin mit traurigem Gesichtsausdruck: „Man muss nur fragen, wer die Nutznießer des Ökozids sind.“ Das System des Casinokapitalismus hat zu kollektivem Egoismus und grenzenloser Gier geführt. Zu unwirklich gigantischem Geld-Reichtum für wenige, zu Armut, Hunger und Verelendung für den „Rest“ der Weltbevölkerung. Mit Brachialgewalt traf und trifft es die Ureinwohner des amerikanischen Kontinents, heute ganz besonders in Amazonien. Ohne den Papst für die Befreiungstheologie vereinnahmen zu wollen, ist „aber doch eines sicher: Er ist ein Mann, der in Argentinien auf der Seite der Armen stand und sich für die Mittellosen und an den Rand Gedrängten eingesetzt hat. Deshalb wurde er auch ,Kardinal der Armen’ genannt. Sich den konkreten Herausforderungen unserer Welt zu stellen und ungerechte Strukturen anzuprangern, die Reiche immer reicher werden lassen und Arme und kulturell Andere als überflüssige Wegwerfartikel (Dokument von Aparecida, 65) erklären, war und ist ein Anliegen der Befreiungstheologie. Der zweifelsfreie Nachweis dieser Gesinnung war das erste Apostolische Schreiben, das ganz aus der Feder von Papst Franziskus stammte, Evangelii Gaudium vom 24. November 2013.“ Zwei Absätze daraus: 1) Wir haben die „Wegwerfkultur“ eingeführt, die sogar gefördert wird. Es geht nicht mehr einfach um das Phänomen der Ausbeutung und der Unterdrückung, sondern um etwas Neues: … Die Ausgeschlossenen sind nicht „Ausgebeutete“, sondern Müll, „Abfall“ (53). 2) In diesem Sinn rufe ich die Finanzexperten und die Regierenden der verschiedenen Länder auf, die Worte eines Weisen des Altertums zu bedenken: „Die eigenen Güter nicht mit den Armen zu teilen bedeutet, diese zu bestehlen und ihnen das Leben zu entziehen. Die Güter, die wir besitzen, gehören nicht uns, sondern ihnen“ (57).

Im Miteinander können sich hoffnungsvolle Perspektiven eröffnen

„Als Präsident des Rates für die indigenen Völker der Brasilianischen Bischofskonferenz und Sekretär der Bischöflichen Kommission für Amazonien habe ich dem Papst eine Stellungnahme über die neuerliche Bedrohung der Indios übergeben“, schreibt Alt-Bischof Erwin Kräutler. „Ich habe ihn darauf hinweisen können, dass die 1988 in der Verfassung festgeschriebenen Rechte der Indios in jüngster Zeit im brasilianischen Kongress wieder massiv in Frage gestellt werden. Ich habe Franziskus berichtet, dass viele Indigene Opfer von Mordanschlägen sind und dass die Suizidquote sehr gestiegen ist. Zudem werden diejenigen kriminalisiert, die sich für die Indios einsetzen. Konkret habe ich dem Papst auch eine Dokumentation über etwa 90 indigene Völker überreicht, die in Amazonien ohne Kontakt mit der sie umgebenden Gesellschaft leben. Diese Völker sind besonders bedroht, weil sie offiziell nicht existieren. Ich konnte dies nicht nur dem Papst selbst nahebringen, sondern ich hatte auch drei Stunden lang ein Gespräch mit dem Präsidenten der päpstlichen Kommission für Gerechtigkeit und Frieden, Kardinal Peter Turkson. Dieser bereitet einen ersten Text für ein Papstschreiben zur Ökologie und zur Bewahrung der Schöpfung vor. Ich habe ihn gebeten, unbedingt die Anliegen der indigenen Völker und des Regenwaldes in Amazonien in dieses Papier hineinzubringen.“ Erwin Kräutler wird mit entsprechenden Unterlagen maßgeblich unterstützen. Seine Privataudienz beim Papst 2014 beschreibt Alt-Bischof Kräutler als verständnisvoll und wertschätzend: „In einem solchen Miteinander von Papst und Bischöfen können sich ganz neue und hoffnungsvolle Perspektiven für unsere Kirche eröffnen.“ Nach einem halben Jahrhundert in Amazonien habe er amazonische Kirchengeschichte erlebt und auch „mitschreiben“ dürfen. „Heute weisen Wissenschafter nachdrücklich darauf hin, dass die Zerstörung des tropischen Regenwaldes verheerende Auswirkungen auf die Biodiversität, den Wasserkreislauf und das Weltklima hat. Als Bischof stehe ich mittendrin in dieser gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und auch kirchenpolitischen Auseinandersetzung und kann nicht so tun, als ob mich das alles nichts angehe, und, wie mir Leute aus Politik und Wirtschaft manchmal anraten, nur meine ,spezifisch religiöse’ Mission erfüllen. Es geht um Leben und Tod, um Sein oder Nicht-sein, um Gerechtigkeit oder Missachtung der Menschenrechte und Menschenwürde.“