DORNBIRN Vorarlberg übernimmt bereits in vielen Bereichen der Ökologisierung eine Vorreiterrolle, doch im Thema Fassadenbegrünungen hinkt das Ländle noch hinten nach. Elisabeth Edler ist in der Steiermark geboren, hat in Wien und Barcelona studiert, in London Fassaden begrünt und in Dornbirn eine Familie gegründet. Der Themenschwerpunkt der Ökologin ist „Nachhaltigkeit in Städten“.

Die Ökologin Elisabeth Edler (35) im Interview mit Verena Daum, Vorarlberger Nachrichten, www.progression.at

Heute arbeitet Elisabeth Edler in Kooperation mit dem Ökologieinstitut Vorarlberg an Fassadenbegrünungen.

Welche Vorteile haben begrünte Fassaden?

EDLER Begrünte Fassaden – egal ob flächendeckende Kletterpflanzen, teilweise Begrünungen durch Schlingpflanzen an Rankgerüsten oder moderne vertikale Begrüngssysteme – bringen viele Vorteile: sie senken die Temperatur im und um Gebäude an extremen Hitzetagen, sie dämmen Gebäude zusätzlich und senken so Energieverbrauch und Betriebskosten, sie schaffen Lebensräume und Nahrung für Insekten und Vögel, sie speichern CO2 und schützen damit das Klima, durch Sauerstoffproduktion und Feinstaubbindung verbessern sie die Luftqualität und fördern die Gesundheit, sie reduzieren Lärm, indem sie den Schall brechen, sie verlängern die Lebensdauer von Fassaden durch Schutz vor Starkregen, UV-Licht und extremen Temperaturen und sie steigern Wohlempfinden, Produktivität und Regenerationsfähigkeit der Menschen.

Warum geht‘s diesbezüglich im Ländle nur schleppend voran?

EDLER Während Dachbegrünung in Vorarlberg bereits zum guten Ton zeitgemäßer Architektur gehört, hinkt das Ländle in puncto Fassadenbegrünung im internationalen Vergleich hinterher. Das mag einerseits an der ländlichen Umgebung und unmittelbaren Nähe zur üppigen Natur liegen, andererseits aber auch an dem fehlenden politischen Willen und der fehlenden Sichtbarkeit begrünter Fassaden. Sobald die gesamtgesellschaftlichen Vorteile von Fassadenbegrünung für die Energieautonomie, für Klima- und Artenschutz und für die Förderung der Gesundheit von politischer Seite erkannt und gefördert wird, erwarte ich mir einen innovativen Schub und internationale Vorreiterrolle, wie wir sie in so vielen anderen Bereichen von der Vorarlberger Architektur kennen. Da sind Land und Gemeinden gefordert, Förderungen für Fassadenbegrünung bereitzustellen und auch in ihrem eigenen Wirkungsbereich die landes- und gemeindeeigenen Gebäude zu begrünen.

Welche positiven Beispiele gibt es in Vorarlberg?

EDLER Bauwerksbegrünung durch Kletterpflanzen wie Efeu oder Wilden Wein, Obstspaliere, Weinreben über Fenstern und Eingangstüren, duftende Kletterrosen an Hausecken und Blauregen an Balkonen haben in Vorarlberg durchaus Tradition. Den Sprung heraus in die moderne Architektur, in den Siedlungs-, Industrie- und Gewerbebau haben sie, soweit mir bekannt ist, noch nicht oder sehr selten geschafft. Dabei zeigen Projekte wie der MFO-Park in Zürich, das Swiss-Re-Gebäude in München oder die BeRTA-Module in Wien bereits den Weg der traditionellen Fassadenbegrünung in die zeitgemäße Architektur. Hier heißt es Vorurteile abzubauen – jede begrünte Fassade wird zum Hingucker und Erfolg.

Gehören Gründ.cher/Grünfassaden ins Bau- und Raumplanungsgesetz?

EDLER Flachdächer gehören ab einer bestimmten Größe, mindestens ab 600 mÇ begrünt. Hier braucht es durchaus gesetzliche Vorgaben. Für südseitig ausgerichtete Wände und Aufenthaltsorte, vor allem im öffentlichen Raum, muss eine zukunftsfähige Architektur bereits in der Planung die steigenden Hitzetage und extrem hohen Temperaturen, die durch die Klimakrise auf uns zukommen, in der Fassadengestaltung berücksichtigen. Anreize und gute Beispiele finde ich grundsätzlich am wirkungsvollsten. Sehe und rieche ich blühende Dächer, höre ich Insekten und Vögel in grünen Fassaden, spüre ich die kühleUmgebung und saubere Luft der Blühflächen und koste ich schon im Kindergarten und in der Schule die essbaren Gärten, dann lerne ich die positiven Auswirkungen der Pflanzen auf mein Lebensumfeld wertzuschätzen und sie im Alltag zu integrieren.