Dornbirn/Vorarlberg – „Die postulierte Unabdingbarkeit von Pestiziden war eine fatale Ideologie, die fürchterlich eskaliert ist. Wir sind seit 70 Jahren einer unglaublichen Propaganda ausgesetzt, einem Experiment ohne Kontrolle, das uns als alternativlos verkauft wird. Der Kollateralschaden ist zunehmend katastrophal. Daher muss Schluss sein mit Privilegien für die Agrarchemiemultis, und die Pestizid-Industrie muss und wird der Verlierer sein“, fordert Dr. Angelika Hilbeck, Umweltsystemwissenschafterin an der ETH Zürich, von politischen Entscheidungsträgern den nötigen Mut zu handeln.

Von Verena Daum (das Interview ist am 3. Juli 2018 in der Extra-Ausgabe „Bewusst leben“ der Vorarlberger Nachrichten erschienen)

Ein krankes System, basierend auf Gier und Gewalt vergiftet die Natur und damit das Leben – wie wird der auf Druck der Zivilgesellschaften entfachte Pestizid-Streit ausgehen?

HILBECK Pestizide haben in der Umwelt und im Essen nichts verloren. Der Pestizideinsatz ist inakzeptabel und gehört nach meinem Dafürhalten abgeschafft. Und das wissen wir nicht erst seit heute.

Kommt eine Agrarwende in Richtung Kleinbauerntum?

HILBECK Sagen wir, auf Druck der Gesellschaft etwas in Richtung bäuerliche Landwirtschaft. Jedoch kommt bäuerliche Landwirtschaft, ob Kleinbauern oder nicht, in der Vision der Agrarindustrie praktisch nicht vor. Hier wird voll auf Digitalisierung und Robotics gesetzt und das lokale Wissen der Landwirte als weitgehend überflüssig erachtet oder in digitaler Form privatisiert. Im Rahmen einer Agrarwende gilt es jedoch, wieder an den Naturkreisläufen und bäuerlichem Wissen anzuknüpfen, und das mithilfe moderner Technik. Es will ja niemand wieder zurück ins Mittelalter. Naturkreislauf und Technik sind positiv zu verbinden. Zukünftige Landwirtschaftssysteme müssen von den Zielen her neu gedacht werden und nicht ausgehend von irgendwelchen Technologien.

Brauchen wir Gift & Gene von Monsanto/Bayer & Co.?

HILBECK Gifte haben wir nie gebraucht. Gene schon – im Rahmen der Züchtung. Die postulierte Unabdingbarkeit von Pestiziden war eine fatale Ideologie, die eine fürchterliche Eskalationsspirale auslöste zu Lasten der Natur und ihrer Lebewesen, einschließlich der Menschen. Die Natur bahnt sich immer ihren Weg, doch der Kollateralschaden für Wasser, Pflanzen, Insekten, Bienen, alle Tiere und die Menschen ist zunehmend katastrophal.

Wie sieht die Lösung aus?

HILBECK Wir können nicht vier Planeten verbrauchen und vergiften, wenn wir nur den einen haben. Die planetarischen Prozesse – die Naturkreisläufe – geben den Rahmen vor. Nach deren Regeln muss sich ein ethisches Wirtschaftssystem einschließlich dem der Nahrungsmittelproduktion in der Zukunft richten. Wir müssen uns aber schleunigst gemeinsam auf den Weg machen für eine gesamtgesellschaftliche Transformation, die Ökonomie, Ökologie und Soziologie in Einklang bringt. Wir brauchen einen Gesamtentwurf, wie das Lokale im globalen Kontext funktionieren kann, oder wie der WBGU, der Wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung Globale Umwelt es ausdrückt: einen neuen Gesellschaftsvertrag. Derzeit haben wir nur Stückwerk aus entstehenden Basisbewegungen und Solidargemeinschaften, Industrie-Lobbyismus und mutloser Politik, die die Problematik von sich aus nicht einmal thematisiert.

Was können und müssen wir alle gemeinsam tun?

HILBECK Die Menschen wollen weder Gift in der Nahrung, noch die Zerstörung der Natur – unserer Lebensgrundlage. Sie wollen einen fairen Prozess des Wandels ohne Beibehaltung der Privilegien für die Agrochemie-Industrie. Jetzt tobt der Streit darüber, wie es weitergehen soll. „Big Pharma“ will den Wandel kontrollieren mit einer digital-technisierten, optimierten, aber nach wie vor industrialisierten Landwirtschaft, in dieser Vision kommen wie gesagt kaum Natur oder Kleinbauern vor, sie werden für weitgehend überflüssig erachtet. Wir müssen daher von vorne anfangen und das Ganze neu denken. Die Ideologien des privatwirtschaftlichen Kapitalismus wie auch des staatlichen namens Kommunismus sind in meinen Augen gescheitert und fahren unsere Existenzgrundlage an die Wand. Die zukunftsfähige Vision ist die dezentralisierte, ökologische Landwirtschaft mit einer mutigen Politik, die im planetarischen Kontext die entsprechenden wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen schafft. Dabei muss und wird die Pestizid-Industrie der Verlierer sein.