Corona, Corona, Corona – kaum etwas anderes ist medial präsent. Dabei sterben heute Milliarden Menschen – vor allem Kinder – elend an Hunger. Diese Tatsache und die Ursache dafür war vor Corona kein Thema und wird wohl auch nach Corona keines sein. Doch: „Jedes Kind, das an Hunger stirbt, wird ermordet … ursächlich wegen monopolisierter systemischer Gewalt einer Finanzoligarchie, die in einem Bus Platz hat.“ Jean Ziegler, Bestseller-Autor und internationale moralische Instanz als Kapitalismus-Kritiker, zeigte bereits 2005 mit seinem Buch „Die neuen Herrscher der Welt und ihre globalen Widersacher“ die Schattenseiten des modernen globalen Raubtierkapitalismus, beschreibt seine Entstehung, seine Profiteure und deren Helfer und zeigt Wege zum Widerstand auf. Im selben Jahr stieß ich auf des Buch „Economic Hit Man“ von John Perkins, der selbst im Auftrag der US-Schattenmacht Volkswirtschaften in Südamerika vernichtete. Unter Todesdrohungen beschrieb er damals seinen „Job“. Jean Zieglers „Die neuen Herrscher der Welt“ war damals und ist heute eine provozierende und schonungslose Demaskierung der Strippenzieher und Nutznießer der „bis dato ungerechten“ Globalisierung und ein leidenschaftlicher Appell zum Widerstand gegen die absurde Doktrin von der „Selbstregulierung der Märkte“. In all seinen Vorträgen und Büchern prangert mein geschätzter Kollege und Freund Jean Ziegler die „kannibalische Weltordnung“ an und hofft auf den „Aufstand des Gewissens“ einer aufgeklärten und aktiven Zivilgesellschaft: „Das sind wir!“

Von Verena Daum (www.progression.at, www.garden-eden.org)

Dass ca. 500 Konzerne inzwischen weit über 50 Prozent des Weltbruttosozialprodukts kontrollieren, ist hinlänglich bekannt. Die „unglaubliche Monopolisierung von politischer, ökonomischer und ideologischer Macht in den Händen weniger Oligarchen ist die Katastrophe für die Menschheit und den Planeten“, poltert Jean Ziegler bei jeder sich bietenden Gelegenheit. Nichts und niemand sei in der Lage, die Oligarchen, die mächtiger sind als jeder Kaiser und jeder Papst, zu kontrollieren – weder Nationalstaaten noch internationale Institutionen: „Wir leben unter der Weltdiktatur der Oligarchien des globalisierten Finanzkapitals.“ Mit ihrer „neoliberalen Wahnidee“ sanktionieren Finanzmärkte Staaten, wenn ihnen deren Gesetze nicht passen – mit Industrie-Abwanderung und Kapitalflucht, klärt Ziegler auf: „Die Menschen glauben bzw. sind davon überzeugt worden, dass sie nichts dagegen tun können – sie fühlen sich ohnmächtig.“ Für Ziegler „erstaunlich, dass die meisten Länder, aus denen die Konzern- und Finanzmonster kommen, demokratische Rechtsstaaten sind“.

Wenn die Zivilgesellschaft in einer Demokratie Druck auf ihre „Volksvertreter“ ausübt …

… dann kann sich laut Jean Ziegler etwas ins Positive ändern. „Einen Finanzminister gibt es durch die Delegation des souveränen Volkes. Wir können ihn zwingen, dass er bei der nächsten Generalversammlung des Internationalen Währungsfonds nicht mehr für die Gläubigerbanken in Frankfurt, London und Zürich stimmt, sondern für verhungernde Kinder. Das heißt, für die Totalentschuldung der ärmsten 50 Länder der Welt, damit diese in Bildungswesen, Gesundheitssystem und vielfältige regionale Landwirtschaft investieren können.“ Neben Kriegen und Flüchtlingselend ist ein Grund „für das tägliche Hungermassaker die Börsenspekulation auf Grundnahrungsmittel, die Weltmarktpreise in die Höhe treibt und Mütter in den Slums der Welt – wo Milliarden Menschen leben -nicht genug Nahrung für ihre Kinder besorgen können. Solche Börsengesetze können sofort gestoppt werden – es brauch nur den Aufstand des Gewissens.“ Hunger, Armut und Massenarbeitslosigkeit sind längst auch in Europa angekommen. „Der Welthunger auf diesem Planeten, der vor Reichtum überquillt, ist nach wie vor die häufigste Todesursache. Jeder Mensch auf der Welt könnte Zugang zu Gesundheit, Nahrung, Trinkwasser und Bildung haben“, ist Jean Ziegler überzeugt: „Die Menschwerdung des Menschen ist in Gang, denn unser Gerechtigkeitsempfinden kehrt langsam zurück – niemand würde heute für Krieg, Elend, Hunger oder Sklaverei votieren. Unser Bewusstsein für einforderbare Gerechtigkeit steigt.“ In seinen Büchern „Der Hass auf den Westen- Wie sich die armen Völker gegen den wirtschaftlichen Weltkrieg wehren“, „Ändere die Welt!“, „Wir lassen sie verhungern: Die Massenvernichtung in der Dritten Welt“, „Imperium der Schande – Der Kampf gegen Armut und Unterdrückung“ oder „Die Schande Europas – Von Flüchtlingen und Menschenrechten“ ruft Jean Ziegler uns alle als interessierte und aktive, aufgeklärte Zivilgesellschaft auf, den notwendigen Druck auf unsere „Volksvertreter“ auszuüben für eine zukunftsfähige Welt im Sinne eines intakten Ökosystems und des Gemeinwohls.

Jean Ziegler (* 19. April 1934 als Hans Ziegler in Thunheimatberechtigt in Bernund Genf) ist Schweizer SoziologePolitiker und Sachbuch- und Romanautor. Er gilt als einer der bekanntesten Kapitalismus- und Globalisierungskritiker. Von 1967 bis zu seiner Abwahl 1983 und erneut von 1987 bis 1999 war er Genfer Abgeordneter im Nationalrat für die Sozialdemokratische Partei. Von 2000 bis 2008 war er UNO-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung– zuerst im Auftrag der Menschenrechtskommission, dann des Menschenrechtsrats – sowie Mitglied der UNO-Task Force für humanitäre Hilfe im Irak. 2008 bis 2012 gehörte Ziegler dem Beratenden Ausschuss des Menschenrechtsrats der UNO an, im September 2013 wurde er erneut in dieses Gremium gewählt. Er ist zudem im Beirat der Bürger- und Menschenrechtsorganisation Business Crime Control.