Auf einem reichen Planeten, der genügend für alle hat, hungern zwei Milliarden Menschen, sterben langsam und elend in Armut. Im Sekundentakt verhungern Kinder. Kapitalistische Profitgier zerstört die Umwelt, vergiftet Böden, Flüsse und Meere, beschädigt das Klima und bedroht die Natur. Die Abschaffung des mörderischen Casinokapitalismus ist Jean Zieglers kraftvolle Utopie, an deren Verwirklichung bereits Millionen Menschen arbeiten, die sich als breite Widerstandsfront formieren. In seinem neuen Buch „Was ist so schlimm am Kapitalismus?“ gibt Jean Ziegler Antworten auf die Fragen seiner Enkelin Zohra.

Von Verena Daum

Sein Buch ist all seinen Enkelkindern gewidmet. Jean Ziegler hält den herrschenden „Raubtierkapitalismus“ sehr wohl für überwindbar und erklärt seiner Enkelin Zohra und ihrer Generation, welchen unmenschlichen Preis wir für dieses System bezahlen und hebt hervor: „Eltern kleiner Kinder verdanke ich die Idee dieses Buches.“ Mein inzwischen langjähriger Freund und Autorengefährte Jean Ziegler ist Soziologe, emeritierter Professor der Universität Genf, war bis 1999 Nationalrat im Eidgenössischen Parlament, von 2000 bis 2008 UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung. Heute ist er Vizepräsident des Beratenden Ausschusses des UNO-Menschenrechtsrats. Der sich in den Händen weniger konzentrierende extreme Finanzreichtum und damit die Macht über Ressourcen sowie diese einhergehende, ungerechte, zerstörerische, systemische Gewalt gehören laut Ziegler „radikal zerstört“, da sie fürchterliches Elend, Hunger und Verzweiflung vor allem in den Ländern der südlichen Hemisphäre zur Folge haben. Eine „Weltordnung“, die um des maximalen Profit willens eine massive Umweltzerstörung, die Vergiftung der Böden, Flüsse und Meere sowie die Rodung der „Lunge des Planeten“, der Regenwälder, billigend in Kauf nimmt, in der eine Klimakatastrophe immer näher rückt, gehört abgeschafft, da sie eine tödliche Gefahr für unseren Planeten und die Menschheit darstellt. Auf den ersten Blick scheint es aus dem kapitalistischen System und der neoliberalen Wahnidee als seiner Legitimation scheint es kein Entkommen zu geben. Doch das gibt es: Ziegler setzt auf ein neues historisches Subjekt: die weltweite Zivilgesellschaft. Millionen Menschen, die verschiedensten Völker, Kulturen, sozialen Klassen organisieren bereits den Widerstand und nähren Zieglers Hoffnung, die Utopie einer einer gerechteren, glücklicheren Welt.

Bewusstsein und Gewissen

„Warum protestiert eigentlich niemand gegen die Verbrechen dieser Kapitalisten? Es gibt doch viele anständige Menschen. Weshalb unternehmen sie nichts gegen diese Ungerechtigkeiten?“, fragt Zieglers Enkelin Zohra. Die Antwort des Großvaters: „Dafür gibt es zahlreich, komplexe Gründe. Tatsächlich glaube ich, dass niemand im ,Westen’ die Welt wirklich so zu sehen wagt, wie sie ist. Hör’, was Edmond Kaiser, mein verstorbener Freund und Gründer von ,Terre des Hommes’, über die geschundenen Kinder der Dritten Welt schrieb, denen er sein Leben widmete: ,Würde man den Deckel vom Kessel der Welt heben, so würden Himmel und Erde zurückweichen vor diesem Wehgeschrei. Denn weder die Erde noch der Himmel noch irgendeiner von uns vermag wirklich das entsetzliche Ausmaß des Leidens der Kinder zu ermessen, noch die Wucht der Gewalten, von denen sie zermalmt werden.’ Zu Beginn meines Mandats als UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung habe ich im Anhang zu meinen Berichten Fotos von Kindern gezeigt, die Opfer der Unterernährung wurden, vor allem die entstellten Gesichter der unter Noma leidenden Opfer.“ Zohra hakt nach: „Ich erinnere mich. Du hast mir welche gezeigt. Noma zerfrisst die Gesichter von Kindern. Das ist schrecklich!“ Jean Ziegler antwortet: „In vielen Fällen greift die Infektion das Zahnfleisch des Kindes an, dann zerstört die Nekrose allmählich alle weichen Gewebe. Die Lippen und die Wangen verschwinden, es bilden sich klaffende Löcher. Die Augen sacken ab, da die Wangenknochen zerstört werden. Außerdem kommt es zu einer Kiefersperre, die das Kind daran hindert, den Mund zu öffnen.“ Nach einer UNO-Sitzung wurde Jean Ziegler nahegelegt, auf das Zeigen solcher Fotos zu verzichten. Und so bemerkt Enkelin Zohra: „Aber es gibt doch die Zeitungen und das Fernsehen …“. Die klare Antwort vom Großvater: „Die vorsätzliche oder unterbewusste Selbstzensur findet bei fast allen Journalisten statt. Hierzu kommt, dass in unseren ,westlichen’ und ,demokratischen’ Ländern, in denen vom Grundsatz her Pressefreiheit herrscht, eine Handvoll Milliardäre den größten Teil der Medien kontrolliert. In Frankreich besitzen fünf Milliardäre mehr als 80 Prozent der Monats-, Wochen- und Tagespresse. Sie sorgen dafür, dass keine allzu schockierenden Informationen über die Opfer der kannibalischen Weltordnung das kollektive Bewusstsein erreichen.“

Mein geschätzter Freund und Autorenkollege Jean Ziegler bezeichnet unsere Garden Eden Bewegung www.garden-eden.org zur selbstbestimmten und gesunden Ernährungs- und Existenzsicherung als „Leben spendend“, Verena Daum www.progression.at

Jean Ziegler schreibt in seinem Buch „Was ist so schlimm am Kapitalismus? – Antworten auf die Fragen meiner Enkelin“: „Eltern kleiner Kinder verdanke ich die Idee dieses Buches.“ Verena Daum, www.progression.at, www.garden-eden.org