Auch in der Politik sagen Gesten oft mehr als tausend Worte. In den Vereinigten Staaten wie in Europa und anderswo verursachen sie zwar mit Verbalinjurien vielfältige akustische Umweltverschmutzungen, aber Handreichungen wie etwa den Stinkefinger als Antwort auf Wählerkritik verkneifen sie sich ebenso wie übel beleumundete Armbewegungen. Ausnahmen bestätigen jedoch auch hier die Regel.

Von Peter W. Schroeder, Washington

Wie US-Präsidentschaftsbewerber Donald Trump. Der bezeichnet Frauen schon mal als „fette Schweine“. Er  fordert Anhänger auf, Andersdenkende „in die Fresse zu hauen“. Und er beklagt mit Unschuldsmiene, dass es im Land „zu viele Schwarze“ gebe. So wie den gegenwärtigen Präsidenten im Weißen Haus. Und am vergangenen Wochenende ging ihm bei einer Wahlveranstaltung in Floridas Mickey Mouse-Heimat Orlando die Fantasie durch: Der Schnauzbart-lose Immobilien-Hai redete sich in Rage und dann passierte es, was seit 1945 höchstens noch bei Jubelveranstaltungen der französischen Front National, bei Kameradschaftstreffen von SS-Veteranen und bei europäischen „Wutbürgern“ passiert:

Der Möchtegern-Präsident mit geringeren Chancen aufs Präsidentenamt als der Hundefänger von New York reckte den rechten Arm hoch und forderte seine Anhängerschar mit heiserer Stimme auf, es ihm gleichzutun. Dabei sollten sie ihm Gefolgschaft loben und bei der kommenden Vorwahl für die von ihm angeführte Bewegung für ein – nein, nicht für ein Groß-Deutschland, sondern für ein großes Amerika – stimmen. Und dann geschah, was nicht nur den Mitgliedern der jüdischen US-Gemeinde in den USA Schauer des Entsetzens über die Rücken jagte: Die Tausenden im Versammlungssaal reckten begeistert die rechten Arme und gelobten ihrem An-Führer die Treue.

„88 in Orlando“, hieß es unmittelbar darauf in den Sozialen Netzwerken und da musste niemand erläutern, dass „88“ in Neo-Nazi-Kreisen das Kürzel für „Heil Hitler“ ist. Die „Washington Post“ wies aber darauf hin, dass Trump „nicht doof“ sei. Der milliardenschwere Krypto-Faschist wisse genau, was die Arm-Geste bedeutet und dass er sie bewusst zum Stimmenfang benutzt habe. Zu fragen bleibe aber, was denn in seine Anhänger gefahren sei. Andere Kommentatoren stellten lakonisch fest, dass Trump das Arm-Winke-Winke wohl nicht schaden werde. Denn hatte der sich nicht schon damit gebrüstet: „Ich könnte auf die Straße gehen und jemanden umlegen, und es würde mich keine Stimme kosten“? Der Spruch hatte ihm anschließend einen Zustimmungs-Schub eingebracht.

Sind also Trumps Anhänger „zu doof“ – um beim Sprachgebrauch der Hauptstadtzeitung zu bleiben – um sich zu realisieren, auf welche Leim – und Schleimspur sie gekrochen sind? Vielleicht. Aber vielleicht ist es ihnen auch egal. Und für unbeteiligte Beobachter bleibt nur die Feststellung, dass es eben auch in den USA einen verführungsempfänglichen Bodensatz von Verblendeten gibt. Wie die legal operierenden Mitglieder des rassistischen und antisemitischen Ku Klux Klan. Aber sind die „Winke-Winke“-Freunde in den USA so wie in Europa auf dem Vormarsch? Die mutmaßliche nächste (und erste) Präsidentin der Vereinigten Staaten darf der gegenwärtigen Gesamtstimmung zufolge hoffen, dass die Nicht-Winker die vorbildliche US-Verfassung als moralische Richtschnur politischen Handelns beachtet sehen wollen. Den Vereinigten Staaten und dem Rest der Welt ist es zu wünschen.