„Alles begann 1985 mit Abfall“, sagt Sozialpädagogin und Umweltaktivistin und 2020 Ökopionierin/Klimaschutzpreisträgerin Ingrid Benedikt im VN-Interview, deren ganz großes Projekt die Gründung der BIONIK-Initiative in Dornbirn war. „1985 initiierte ich die BIONIK-Gruppe, die sich darum kümmerte, dass der Müll getrennt wurde. Wir bekamen von der Stadt Dornbirn die Möglichkeit, jeden ersten Samstag die getrennten Abfälle der Bevölkerung ehrenamtlich entgegenzunehmen“, erinnert sich die Umweltaktivistin, die 2020 als „Ökopionierin“ mit dem VN-Klimaschutzpreis ausgezeichnet wurde. „Wir leisteten viel Aufklärungsarbeit und so wurden Mülltrennung und Abfallvermeidung Thema. Nach dem Dornbirner Vorbild gründeten andere Geleichgesinnte insgesamt 14 BIONIK-Initiativen und eine Müllplattform mit 52 verschiedensten Initiativ-Gruppen im Land.“

Von Verena Daum (www.progression.at, www.garden-eden.org, das Interview ist am 19.3.2021 in der Extra-Ausgabe „VN-Klimaschutzpreis 2022“ der Vorarlberger Nachrichten erschienen)

Die Initiativ-Arbeit führte dazu, dass das Land heute eines der modernsten Abfallkonzepte Mitteleuropas vorweisen kann.

Wie läuft das aktuelle Projekt „offener Kühlschrank“?

BENEDIKT Die Lebensmittelverschwendung war für mich immer schon schwer auszuhalten. 2017 las ich in einer Migros-Zeitung, dass in Bern ein junges Team drei Kühlschränke für die Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt hat, damit man Lebensmittel bringen und wieder entnehmen kann. Ich besuchte dann Bern und sprach mit dem Organisationsteam vor Ort. Nach einer Zeit des Überlegens traute ich mich dann drüber. In einer Projektwerkstatt der Stadt Dornbirn stellte ich meine Idee „Offener Kühlschrank – Lebensmittel sind kostbar“ vor. Es fanden sich spontan Menschen, die mitmachen wollten. Ein wichtiges Umweltprojekt, damit auch Menschen, diedie Sachen dringend brauchen, nicht schon wieder in einer Ecke stehen. Derzeit stehen insgesamt sieben Kühlschränke in Dornbirn in der Stadtbibliothek, im Familienzentrum Treffpunkt an der Ach und in Kolpinghaus, in Feldkirch beim Mobilpoint, in Götzis im KAB-Büro, in Hohenems im Büro von Fairplace und IQ-Solution und in Bregenz im Miles Diner. Wir kooperieren mit „Tischlein deck dich“ und der Umsatz ist unglaublich.

Du hast u. v. a. die Umweltwoche initiiert: wie wird diese nach Corona aussehen?

BENEDIKT 2009 startete die Dornbirner WELTumWELTwoche rund um den Weltumwelttag am 5. Juni. Ich bot da eine Plattform für Vereine, Städtische Institutionen, Schulen, Kindergärten, Firmen … Insgesamt wurden in dieser Woche 88 Veranstaltungen durchgeführt. Die Idee war statt Zeigefingerpädagogik besser „Lust auf Umwelt und Nachhaltigkeit“ zu machen, d.h. die positiven Seiten, die Lebensqualität, den Genuss, die Freude … an umweltbewusstem, Klima schützendem und nachhaltigem Verhalten aufzuzeigen und den Menschen bewusst zu machen, dass niemand „dieWelt alleine retten muss“, sondern dass jeder einzelne Mensch einen Beitrag leisten kann, auch wenn er noch so klein ist. Nach einem riesigen Erfolg stellte ich das Konzept dem Gemeindeverband vor, das dann begeistert für das ganze Land übernommen wurde. Ich legte der Stadt ein Konzept für die Einbindung von Schulen vor und organisierte in Dornbirn dann von 2010 bis 2019die Schulaktionstage in der inatura. Hier bekamen Schulklassen eine Bühne für ihre Projekte. Insgesamt nahmen über 10.000 Schüler aus ca. 700 Klassen teil, davon stellten 400 Klassen ihre Projekte in der inatura vor. Es waren Kinder und Jugendliche aller Altersgruppen und Schultypen mit dabei. Am 1. 7. 2019 habe ich nach 10 Jahren offiziell die Schulaktionstage an eine jüngere Kollegin übergeben.

Leben und wirtschaften nach dem „Cradle to Cradle-Prinzip“ – wie siehst du diesbezüglich die Zukunft?

BENEDIKT Meine Erfahrung ist es, dass auf der einen Seite Menschen unglaublich viel bewirken können – sowohl in die positive wie in die negative Richtung. Gerade am Beispiel Lebensmittel sehe ich, dass in vielen Bereichen viel zu viel produziert und zu Billigpreisen auf den Markt gebracht wird. Das regt zumWegschmeißen an. Milch und Milchprodukte gibt es ebenfalls zu viele, da werden über 100% produziert. Die Lösung liegt in der Änderung des Förderungssystems sowohl EU-weit wie auch im Staat. Während des ersten Lockdowns kam Schlimmes ans Licht, wie schlecht bezahlte Arbeitskräfte, die in Mega-Tierverarbeitungsfabriken ihren Job machten. Nun, seit vergangenem Herbst, gibt es ja einen Beschluss aus dem Konsumentenschutzausschuss des Bundes, dass im heurigen Jahr das Thema Lebensmittelverschwendung angegangen werden muss. Es braucht auf jeden Fall die Unterstützung durch Vorgaben und Gesetze: weniger Bodenverbrauch und Grün in der Stadt bzw. in den Gemeinden durch städteplanerische Maßnahmen. Das wird gerade jetzt im Klimawandel immer wichtiger, wenn wir unsere Städte lebenswert erhalten wollen. Verbot von nachgewiesen schädlichen Stoffen, wie z. B. bei der Unkrautbekämpfung, Förderung von umweltschonenden Anbauarten, oft würden schon faire Preise reichen.

Infos: www.weltumweltwoche.at