In der ersten Corona-Welle hat Österreich gezeigt, wie man mit gemeinsamem Vorgehen gut durchkommen kann, kommentiert Univ.-Prof. Primar Dr. Reinhard Haller, Psychiater, Psychotherapeut und früherer Chefarzt des Krankenhauses Maria Ebene. „Leider ist bei uns wie in mehreren Ländern dieser Zusammenhalt verloren gegangen. Überemotionalisierte, wenig sachliche Diskussionskultur führt zu Ereifern und Entzweiung. Wenn Kritik auf allen Ebenen nur destruktiv gestaltet wird und keine konstruktiven Elemente enthält, führt sie zu Verunsicherung und Vertrauensverlust.“ Der Spaltung der Gesellschaft entgegenwirken können wir nur, wenn „wir die eigene Verantwortung wahrnehmen und uns solidarisch zeigen“. Nur dann, „werden wir stärker sein als ein Virus, das weder Verstand noch Gefühl hat“.

Der Kommentar von Primar Reinhard Haller am 25. November 2021 in den Vorarlberger Nachrichten:

Zusammenhalt

Wenn man all die Maßnahmen überprüft, die im Kampf gegen die Coronapandemie ausprobiert werden, ergibt sich ein klares Bild: Neben der Impfung ist der gesellschaftliche Zusammenhalt der entscheidende positive Faktor. Nur diejenigen Staaten, in denen möglichst viele hinter den jeweiligen Methoden stehen, kommen am unbeschadetsten durch die Krise und nur jene Regierungen, die das Volk mitnehmen können, haben relativen Erfolg. Man sieht dies am Beispiel Schweden, das einen umstrittenen, aber trotz anfänglicher Fehlschläge vom Volk getragenen Weg gegangen ist und jetzt gut dasteht. In Staaten, in denen der Regierung und auch der Wissenschaft vertraut wird, ließen sich Impfraten erzielen, von denen wir nur träumen können. Auch Österreich hat bei der ersten Welle gezeigt, wie man mit gemeinsamem Vorgehen gut durchkommen kann. Selbst das Beispiel China, wo die Seuche ihren Ausgang genommen hat und ideale Ausbreitungsmöglichkeiten hätte, zeigt, wie man mit allerdings erzwungener, von uns abzulehnender Einheitlichkeit das Virus in die Schranken weisen kann. All diese Modelle zeigen keine Lösungen, die ohnehin niemand hat, sondern wirksame Regulationsmöglichkeiten.

Leider ist bei uns wie in mehreren Ländern dieser Zusammenhalt verloren gegangen. Dies hat nicht nur mit dem unterschiedlichen Wesen der Menschen, der individuellen Werteeinstellung oder dem Wunsch nach Selbstbestimmung zu tun, sondern ist zu einem guten Teil von außen gemacht. Zu nennen ist die überemotionalisierte, wenig sachliche Diskussionskultur, die zur Ereiferung und damit zur Entzweiung führt.

Wenn Kritik auf allen Ebenen nur destruktiv gestaltet wird und keine konstruktiven Elemente enthält, führt sie zu Verunsicherung und Vertrauensverlust. Die derzeit grassierenden Schuldzuweisungen sind, weil man sich dem persönlichen Zutun nicht stellen muss, ein zwar bequemer, aber das gesellschaftliche Klima vergiftender Faktor. Gesprächsverweigerung mit Andersdenkenden und Pathologisieren von alternativen Meinungen wird die Menschen nicht zusammenführen. Schließlich trägt auch der überhand nehmende Narzissmus – nur meine Interessen sind wichtig – zur Frontenbildung bei.

Die entscheidende Herausforderung an die Politik ist nicht nur, die bestmöglichen Maßnahmen zur rechten Zeit zu treffen, sondern der Spaltung der Gesellschaft entgegenzuwirken. Nur wenn wir die eigene Verantwortung wahrnehmen und uns solidarisch zeigen, werden wir stärker sein als ein Virus, das weder Verstand noch Gefühl hat.